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"Ich nehme soviel mehr mit für meine Zukunft als ich je hätte geben können"
Als ich 2010 die Schule beendet hatte, wusste ich noch nicht so genau, ob ich gleich mit einem Studium beginnen soll. Ich habe mich entschieden, für das FSJ ein Jahr "Lernpause" einzulegen und mir einen Einblick in die Arbeitswelt zu verschaffen. Es sollte ein Jahr werden, in dem ich meine Schwächen und Stärken in verschiedenen Bereichen erkenne.
Glücklicherweise habe ich eine Einrichtung gefunden, die mir die Möglichkeit bietet, in den unterschiedlichsten Bereichen zu arbeiten – ein Gemeindepsychiatrisches Zentrum, in der Menschen mit einer psychiatrischen Erkrankung ambulant betreut werden. Ich habe einerseits viel Umgang mit Menschen, andererseits arbeite ich auch im Büro mit und werde für hauswirtschaftliche Aufgaben gebraucht.
Meine Arbeitsstelle bietet ein breites Spektrum an Tätigkeiten, viel Selbstbestimmung und Verantwortung. Das macht die Arbeit für mich jeden Tag aufs Neue wieder attraktiv. Jedoch ist es auch ein anstrengender Job, weil es manchmal schwer ist abzuschalten. Für mich ist die Arbeit mit Menschen etwas ganz besonderes. Man lässt abends nicht einfach nur unfertige Akten oder Schriftsätze im Büro liegen, die man nach dem Wochenende fertig stellen kann. Denn hier geht es um Menschen mit Träumen, Problemen und Geschichten, die einen auch nach Feierabend beschäftigen.
Vor Beginn meines FSJ habe ich mich von Menschen, die "anders" zu sein schienen, eher distanziert. Ich hatte Scheu, mit ihnen umzugehen. In den ersten Wochen meiner Arbeit war ich dann sehr neugierig auf die Diagnosen der Klienten, mit denen ich zu tun hatte. Heute, ein paar Monate später, sind die anfänglichen Merkwürdigkeiten der Klienten für mich zur Normalität geworden. Ich habe aufgehört, mir Gedanken über Befunde zu machen, und angefangen, den Menschen zu sehen. Denn es sind Menschen, die dieselben Wünsche und Träume haben wie ich. Ich habe gelernt, dass viele gar nicht so anders sind wie zu Beginn gedacht. Sie brauchen einfach nur Unterstützung, die ich nun sehr gerne gebe. Einen Großteil der Klienten habe ich ins Herz geschlossen.
Ich werde oft gefragt, ob meine Entscheidung, ein FSJ zu machen, richtig war. Dies kann ich ohne Zweifel mit einem klaren JA beantworten. Denn ich nehme soviel mehr mit für meine Zukunft als ich je hätte geben können – an Erfahrungen, aber auch an Werten und schönen Erinnerungen. Ich nehme vieles nicht mehr so ernst und lebe unbeschwerter. Der größte Gewinn für mein Leben ist aber: Ich habe aufgehört, Menschen zu meiden, die anders zu sein scheinen. Und ich habe angefangen, auf diese Menschen zuzugehen und ihnen zu helfen.
Ronja Herzfeldt





