Übergriffe nehmen in der sozialen Arbeit zu. Beim Treff Sozialarbeit der Evangelischen Gesellschaft eva wurden Schutzkonzepte vorgestellt.
Für das Servicepersonal der Bahn, für die Einsatzkräfte von Polizei oder Rettungsdiensten gehören Übergriffe zum Alltag. Doch auch Fachkräfte in der Sozialen Arbeit erleben zunehmend, dass sich Klientinnen und Klienten herausfordernd, grenzüberschreitend oder aggressiv verhalten. Beim Treff Sozialarbeit der Evangelischen Gesellschaft eva hat die Diplom-Pädagogin Petra Maurer die Notwendigkeit von Schutzkonzepten und Schulungen bekräftigt. Unter dem Motto „Gefahren erkennen – professionell handeln“ hat die Expertin Deeskalationsstrategien in der Sozialen Arbeit vorgestellt.
Wie lassen sich gefährliche Situationen entschärfen? Wie können sich Fachkräfte in Behörden, bei Beratungen und in niedrigschwelligen Angeboten schützen? Petra Maurer berät Behörden und Institutionen zu diesen Fragen und ist an der Erstellung von Schutzkonzepten beteiligt. Übergriffe, so Petra Maurer, haben viele Erscheinungsformen: Ob als Beschimpfungen, rassistische oder sexistische Bemerkungen oder in Form von körperlichen Übergriffen wie Beißen, Spucken, Schubsen. Dahinter stecken oft Psychosen, ungezügelte Aggression, das Gefühl der Bedrohung bei einer Unterbringungspflicht, aber auch Suizidgedanken bei Depressionen.
Auf die Körpersprache achten
Gewalt entlädt sich manchmal plötzlich und unerwartet in Beratungsgespräch. Zum Beispiel, wenn es laut wird im Gespräch, aggressive Wortwahl verwendet wird und die Fachkraft immer stärker in Bedrängnis kommt. Um sich davor zu schützen, empfiehlt Maurer, die eigene Wahrnehmung zu schärfen und die richtigen Rahmenbedingungen zu beachten. Das heißt konkret, auf die eigene und die fremde Körpersprache genauso zu achten wie auf das eigene Gefühl. Ausdrücklich weist sie darauf hin, dass „man professionelle Wahrnehmung trainieren kann“. Petra Maurer rät, möglicherweise Kolleginnen und Kollegen hinzuziehen, klare Grenzen ziehen und notfalls den Raum zu verlassen, nach Möglichkeit über eine Fluchttüre.
Maurer weiß, dass Betroffene vieles intuitiv richtig machen. Zugleich warnt sie, dass unter Stress die Wahrnehmung stark eingeschränkt ist. Deshalb sei es notwendig, Gefahrensignale rechtzeitig zu erkennen und einzuschätzen. Besonders wichtig sei es, Extremsituationen im Kollegenkreis, möglicherweise auch mit Trauma-Experten, aufzuarbeiten. „Dabei darf es jedoch nie um die Schuldfrage gehen“, warnt Maurer. „Betroffene benötigen Hilfe von den Vorgesetzten“, sagt sie.
Mitarbeitende müssen an Schutzkonzepten beteiligt sein
Selbst hat Maurer zum Beispiel ein Schutzkonzept in der Wohnungslosenhilfe erarbeitet, um Sicherheit für Fachkräfte sowie Klientinnen und Klienten zu gewährleisten. Dazu gehören Deeskalationsregeln und eine klare Kommunikation. Die Raumgestaltung mit Flucht- und Notrufmöglichkeiten gilt es genauso zu beachten wie die Risikoabwägung bei Nacht- und Alleindiensten. Auch Notfallpläne müssen vorliegen, ebenso klare Alarmwege.
Wichtig ist für Maurer zudem eine intensive Aufarbeitung von Vorfällen, die Möglichkeit der psychosozialen Unterstützung, Supervision und Sicherheitstraining. Ganz klar geregelt müsse sein, wann ein Hausverbot oder eine Strafanzeige erfolge, und welche Formen der Aufarbeitung vorgesehen sind. „Sicherheitskonzepte sind nur dann gut, wenn Mitarbeitende an der Erarbeitung beteiligt werden“, betonte Maurer bei ihrem Vortrag, den rund 140 Zuhörerinnen und Zuhörer beim Treff Sozialarbeit verfolgten.

