Liga der freien Wohlfahrtpflege warnt: „Die geplanten Kürzungen im anstehenden Doppelhaushalt bei der sozialen Daseinsvorsorge sind nicht nur unsozial, sondern auch politisch und ökonomisch unverantwortlich. Stuttgart darf diesen Weg nicht gehen.“
In einem Brandbrief an den Oberbürgermeister Frank Nopper und die Stadträtinnen und Stadträte der Stadt Stuttgart schreibt Pfarrer Klaus Käpplinger, Vorstandsvorsitzender der eva und Sprecher des Vorstands der Liga der Wohlstandspflege Stuttgart: Die geplanten Einsparungen im Bereich der sozialen Daseinsvorsorge der Landeshauptstadt Stuttgart für den Doppelhaushalt 2026/27 und darüber hinaus bergen das erhebliche Risiko, die Grundversorgung und gesellschaftliche Teilhabe von BürgerInnen folgenschwer einzuschränken. Dies hätte weitreichende negative Auswirkungen auf das soziale Zusammenleben und den politischen Frieden in unserer Stadt.
Prävention statt FolgekostenJeder Euro, der heute an einem bewährten Versorgungssystem eingespart wird, verursacht ein Vielfaches an zukünftigen Folgekosten. Studien belegen, dass präventive Sozialarbeit nicht nur individuelles Leid mindert, sondern auch volkswirtschaftlich hochwirksam ist. Kürzungen sind daher nicht nur unsozial, sondern auch ökonomisch irrational.
Bedrohung für kleinere Träger
Gerade kleinere Leistungserbringer wären durch Kürzungen von „nur“ 10 Prozent existenziell gefährdet. Dies hätte zur Folge:
• Wegfall konkreter Unterstützungsangebote für Menschen in Not,
• Verlust von Arbeitsplätzen,
• Einschränkung der Trägervielfalt, die im Sinne des Subsidiaritätsprinzips
verfassungsrechtlich geboten ist.
Eine Verarmung der Trägerlandschaft schwächt die Resilienz des gesamten Hilfesystems.
Wohnungsnotfallhilfe
Die Überwindung von Wohnungs- und Obdachlosigkeit ist Grundvoraussetzung für soziale Teilhabe, gesundheitliche Versorgung und Integration. Angesichts des extrem angespannten Wohnungsmarktes in Stuttgart ist eine Stärkung der Wohnungsnotfallhilfe zwingend notwendig. Kürzungen bei Fachberatungsstellen, Schuldnerberatung oder Tagesstätten hätten gravierende Folgen:
• Verlust von Wohnraum,
• weitere Überschuldung,
• Verschlechterung psychischer und körperlicher Gesundheit.
Die volkswirtschaftlichen Folgekosten solcher Entwicklungen übersteigen die kurzfristigen Einsparungen bei weitem.
Suchthilfe und Prävention
Bei Kürzungen in der Suchthilfe sind nachhaltig negative Konsequenzen zu befürchten:
• Schulen und Vereine könnten deutlich weniger Präventionsangebote abrufen,
• früherer Einstieg in Substanzkonsum und riskantes Verhalten,
• Zunahme multiplen Konsums im öffentlichen Raum, verbunden mit einer steigenden Zahl an Drogentoten.
Besonders gefährlich ist die Ausbreitung synthetischer Opioide, die junge, unerfahrene Konsumentinnen und Konsumenten bedrohen. Präventionsangebote der Suchtberatungsstellen sind wissenschaftlich fundiert und hochwirksam – ihr Abbau wäre fahrlässig.
Psychische Gesundheit
Für Menschen mit psychischen Erkrankungen sind niederschwellige, kostenlose Angebote wie Sozialpsychiatrische Dienste, Gerontopsychiatrische Beratungsstellen, Krisendienste und Tagesstätten unverzichtbar. Kürzungen würden u.a.:
• Wartezeiten verlängern,
• Weitervermittlung in die Eingliederungshilfe verzögern oder verhindern,
• den „Drehtüreffekt“ zwischen Klinik und ambulanter Versorgung verstärken.
Die Folge: zunehmende soziale Verelendung, Verlust von Wohnraum und langfristig deutlich höhere Betreuungs- und Behandlungskosten.
Geflüchtetenhilfe und Migrationsdienste
Besonders gravierend wären Kürzungen in der Geflüchtetenhilfe:
• Wegfall von Lernräumen in Gemeinschaftsunterkünften, die schulische Integration
sichern,
• Einschränkung von Kindersprechstunden, die Resilienz, Selbstwirksamkeit und
demokratische Teilhabe fördern,
• Reduzierung von Dolmetscherdiensten, was zu Fehlversorgungen und Mehrbelastung
führt,
• Schwächung der Migrationsberatung, die Zugang zu Arbeit, Bildung und
gesellschaftlicher Teilhabe ermöglicht.
Integration, die heute verhindert wird, muss morgen mit deutlich höherem Aufwand nachgeholt werden – wenn sie überhaupt noch gelingt. Frühzeitige Förderung ist daher eine Investition in sozialen Frieden und ökonomische Stabilität.
Bürokratieabbau statt Leistungskürzungen
Kosteneinsparungen müssen vorrangig durch den Abbau von Bürokratie und Doppelstrukturen erzielt werden – nicht durch die Kürzung von Leistungen für Menschen, deren wirtschaftliche, soziale und gesundheitliche Existenz bedroht ist. Effizienzsteigerung in der Verwaltung ist der richtige Weg, nicht die Schwächung der sozialen Infrastruktur.
Bessere Verzahnung der Hilfebereiche
Eine nachhaltige Kostenreduktion gelingt durch bessere Schnittstellen zwischen den Hilfebereichen. Die derzeitige Versäulung des Fördersystems verhindert Synergien. Studien – etwa zur ambulanten Suchthilfe und Wohnungsnotfallhilfe – bestätigen, dass eine stärkere Vernetzung Effizienz und Wirksamkeit deutlich erhöht.
Die Frage, die wir uns stellen müssen, lautet: Welche Stadt wollen wir sein?
Eine Stadt, die ihre Menschen schützt, Teilhabe ermöglicht und sozialen Frieden bewahrt – oder eine Stadt, die Elend auf ihren Straßen hinnimmt und langfristig ungleich höhere Kosten trägt? Kürzungen bei der sozialen Daseinsvorsorge sind nicht nur unsozial, sondern auch politisch und ökonomisch unverantwortlich. Stuttgart darf diesen Weg nicht gehen.

