Veranstaltungen > Berichte und Dokumentationen > Treff Sozialarbeit 2012 > Selbstwirksamkeit und Achtsamkeit - TSA 2/2012
„Die ganze Gesellschaft hat ein Aufmerksamkeits-Defizit“
Das Konzept der Achtsamkeit stand beim Treff Sozialarbeit im Mittelpunkt
Wer einen stressigen Alltag hat, der ist in Gedanken häufig nicht im Hier und Jetzt, sondern immer schon ein paar Schritte weiter. Wer kennt es nicht: Schon unter der Dusche denkt man darüber nach, was einen später auf der Arbeit oder an der Uni erwartet. „Eigentlich hat unsere ganze Gesellschaft ein Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Wir hetzen alle immer irgendwohin“, so Prof. Dr. Thomas Heidenreich. Der Prodekan der Hochschule Esslingen hat beim Treff Sozialarbeit der Evangelischen Gesellschaft (eva) am 2. Februar das Konzept der Achtsamkeit vorgestellt. Mit unterschiedlichen Übungen und Verfahren wird versucht, die Aufmerksamkeit gezielt auf den gegenwärtigen Augenblick zu lenken. Dies kann helfen, Aggressionen abzubauen, neurotische Störungen zu therapieren oder Schmerzen zu lindern. Auch für die Soziale Arbeit steckt hier ein großes Potenzial – es gibt aber auch Grenzen.
Wer im psychologischen Sinne achtsam werden will, der braucht viel Übung. Denn man muss lernen, störende Gedanken beiseite zu schieben und sich ganz auf seine Sinneseindrücke einzulassen. Ein Beispiel: Man schließt die Augen und fokussiert sich auf das Hören. Vielleicht nimmt man ein gleichmäßiges Summen wahr, vielleicht ein fernes Zwitschern. Die Kunst ist es nun, sich diesen Geräuschen zuzuwenden, ohne sie zu interpretieren und zu kategorisieren. Sich also keine Gedanken darüber zu machen, ob da die Lampe oder der Computer summt oder was das eigentlich für ein Vogel ist, der zwitschert.
Es gibt unterschiedliche Ansätze, um Achtsamkeit zu trainieren: achtsame Körperwahrnehmung oder Yoga, achtsames Sitzen oder Gehen. Wer mit diesen speziellen Übungen seine Aufmerksamkeit schult, dem kann es auch gelingen, achtsam durch den Alltag zu gehen. Und das bringt laut Thomas Heidenreich Vorteile mit sich: „Achtsamkeit hilft beispielsweise, düstere Gedanken zu vertreiben – nicht nur bei depressiven Menschen.“ Und Achtsamkeit fördert die eigene Selbstwirksamkeits-Erwartung. Selbstwirksame Menschen sind davon überzeugt, dass sie „neue und schwierige Aufgaben schaffen und auch mit Widrigkeiten umgehen können“, so Heidenreich. Diese Überzeugung wirkt sich positiv auf das eigene Verhalten aus.
Studien belegen die Wirksamkeit des Konzeptes
Mittlerweile werden Ansätze, die auf dem Konzept der Achtsamkeit basieren, in vielen Bereichen eingesetzt: bei der Behandlung von Schmerzen oder Hauterkrankungen, aber auch in der Rückfallprävention von Suchterkrankungen oder bei psychischen Störungen. „Zahlreiche Studien haben ergeben, dass Achtsamkeits-basierte Verfahren im klinischen Bereich hocheffektiv ist“, so Heidenreich. Und alles deute darauf hin, dass sie auch bei der Arbeit mit sozial benachteiligten Menschen effektiv anwendbar sind.
Allerdings steht die Sozialarbeit hier vor einer besonderen Herausforderung: Arbeitslose, psychisch kranke Menschen, Migranten oder Obdachlose haben häufig Vorbehalte gegenüber Methoden der Selbstwahrnehmung. „Für viele klingt das nach einem ‚Psycho-Kurs’ und ist erstmal abschreckend“, so Heidenreich. Viele würden auch schlicht den Sinn und Nutzen einer Atem-Meditation und ähnlichen Übungen nicht sehen. Wichtig sei es daher, zunächst bestehende Ängste abzubauen und ein niederschwelliges Angebot zu entwickeln, das einen Bezug zur Lebenswelt der Zielgruppe habe.
So sinnvoll und hilfreich das Konzept der Achtsamkeit grundsätzlich ist, es ist nicht für alle Problemlagen gleichermaßen geeignet. „In einer konkreten Notsituation braucht ein obdachloser Jugendlicher zunächst einmal Nahrung und ein Dach über dem Kopf, aber nicht primär Achtsamkeit“, so Heidenreich. Wenn sich seine Lage stabilisiert, könne Achtsamkeit aber durchaus ein wichtiges Element der Hilfe zur Selbsthilfe sein.
Gefahr von inhaltsleeren „Achtsamkeits-Light-Versionen“
Vorsicht sei auch bei Menschen mit psychotischen Erkrankungen geboten. Ein Sozialarbeiter aus dem Publikum berichtete von einer Klientin mit einer Psychose: „Bei einer Aufmerksamkeits-Übung hat sie Angstzustände bekommen und ist in ein schwarzes Loch gefallen.“ Das Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, die Übungen und Methoden speziell auf die jeweilige Person zuzuschneiden. Grundsätzlich seien Achtsamkeits-Übungen auch für psychotische Menschen geeignet, so Heidenreich. „Man muss aber Übungen, die besonders lange dauern, weglassen.“ Denn eine Sitz-Meditation von einer Stunde öffne Wahnvorstellungen Tür und Tor. Aber mit speziellen Programmen könne man sehr positive Effekte erzielen. „Die Psychotiker können lernen: Wenn die Stimmen kommen, schiebe sie beiseite, lass sie einfach reden und tu die Dinge, die dir wichtig sind.“ An Einzelfällen zeige sich bereits, dass mit dieser Technik Klinik-Aufenthalte vermieden werden können.
Es ist also wichtig, die Methoden in der Sozialen Arbeit jeweils anzupassen. Auf der anderen Seite sieht Heidenreich aber auch die Gefahr von inhaltsleeren Achtsamkeits-Light-Versionen. Nämlich dann, wenn der Sozialarbeiter aus dem Gesamtkonzept nur noch das auswählt, was am wenigsten Schwierigkeiten bereitet. „Wenn wir das Konzept immer nur auf den kleinsten Nenner runterbrechen, dann ist am Ende nichts mehr von der spezifischen Bedeutung der Übungen übrig.“
Auch die Bewertung des Ansatzes schwankt zwischen den Extremen. Die einen halten Achtsamkeit für ein „Allheilmittel“, die anderen sehen in ihr „Opium fürs Volk“. Der gängige Vorwurf: Das Achtsamkeits-Training führe nur dazu, dass Menschen ihre prekäre Lage akzeptieren lernen und darin ausharren. „Natürlich kann man Techniken der Achtsamkeit dazu ausnutzen, um sich aus einer stressigen Situation rauszubeamen“, so Heidenreich. So könne man sich in die Atem-Meditation flüchten, um einer Diskussion mit der Ehefrau um die Jobsuche zu entfliehen. „Das ist dann sehr destruktiv.“ Aber auf der anderen Seite eröffne diese Technik die Chance, sich selbst und die eigene Situation zunächst sehr genau wahrzunehmen und zu akzeptieren. Und dies sei die Voraussetzung dafür, um sich verändern zu wollen. Heidenreichs Fazit: „Die Methode hat ein breites Potenzial und sie kann für alle hilfreich sein. Aber sie ist nicht immer die Methode der ersten Wahl.“
Wer sich für das Thema Achtsamkeit interessiert, kann sich bei einem Fachtag am 23. Mai 2012 an der Hochschule Esslingen umfassend informieren. Das Thema lautet: „Achtsamkeit in der Arbeit mit suchtgefährdeten und abhängigen Menschen. Zugänge, Methoden, Wirkungen“. Die Einladung zum Fachtag finden Sie hier als PDF-Datei.
Die Folien zum Powerpoint-Vortrag von Prof. Dr. Thomas Heidenreich können Sie hier herunterladen:
Achtsamkeit: Grundlagen – Fundierung – Perspektiven




