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Mädchen sind anders – Jungen aber auch

Experten stellen beim Treff Sozialarbeit geschlechtsspezifische Konzepte für die Jungenarbeit vor

Jungen ticken anders als Mädchen: Sie denken und fühlen anders, reagieren auf emotionale Krisen eher mit Wut statt mit Trauer, fallen in der Schule häufiger als „Störenfriede“ und „Zappelphilippe“ auf. Was ist bloß mit den Jungen los? – Das fragen sich nicht nur Eltern und Lehrer. Auch in der Sozialen Arbeit sind die Bedürfnisse von Jungen in den vergangenen Jahren stärker in den Fokus gerückt. Nachdem lange Zeit Mädchen gezielt gefördert wurden, hat sich nun auch eine geschlechterbewusste Jungenarbeit entwickelt. „Jungenarbeit im Aufbruch“ hieß daher das Thema beim Treff Sozialarbeit der Evangelischen Gesellschaft (eva) am 18. November. Experten diskutierten über die Frage: „Können wir Jungs das bieten, was sie brauchen?“. Neben fachlichen Grundlagen wurden fünf erfolgreiche Beispielprojekte vorgestellt.

"Nur weil Mädchen benachteiligt sind, heißt das nicht automatisch, dass Jungen bevorzugt werden", sagte Dr. Jürgen Strohmaier vom Landesjugendamt Baden-Württemberg. "Es macht keinen Sinn, beide Gruppen gegeneinander auszuspielen." Ziel der Jungenarbeit sei es, den Heranwachsenden ein realistisches Bild von sich selbst und von Männlichkeit zu vermitteln. Denn viele Jungen finden in ihrem sozialen Umfeld keine männlichen Vorbilder, an denen sie sich orientieren können: Sei es, weil sie ohne Vater aufwachsen oder der Vater wenig Zeit mit ihnen verbringt. Auch im Erziehungssystem – Kindergarten und Schule – arbeiten vorwiegend Frauen. "In der Kleinkinderbetreuung gibt es heute nicht mehr Männer als vor 20 Jahren", so Strohmaier. In Baden-Württemberg liegt der Anteil bei nur 2,4 Prozent. Erzieherberufe haben kein hohes Prestige und gelten auch heute noch als "unmännlich". Daher müsse man sich überlegen, wie man diese Berufe attraktiver machen könne, so Strohmaier. Von einer Männer-Quote hält er aber nichts. "Wir brauchen mehr Männer in Kitas und Grundschulen, aber nicht pauschal. Das müssen dann auch Männer sein, die sich wirklich auf diese Arbeit einlassen wollen."

Nicht mit den Schwächen, sondern mit den Stärken arbeiten

Um mit Jungen zu arbeiten, brauchen auch die Fachkräfte der Sozialen Arbeit ein spezielles Know-How und eine besondere Haltung. "Nur wer Lust auf diese Arbeit hat und die pädagogische Notwendigkeit darin sieht, ist hier richtig." Denn häufig prallen da zwei Welten aufeinander: Die Zielgruppe in der Jungenarbeit sind zumeist Hauptschüler mit Migrationshintergrund. Und diese treffen dann auf nicht mehr ganz junge Sozialarbeiter aus der Mittelschicht mit Fachhochschulabschluss. "Um es bildlich zu sagen: Da trifft der Rapper auf den Minnesänger", so Strohmaier. Zu Beginn der Arbeit geht es daher darum, eine vertrauensvolle Beziehung zu den Jungen aufzubauen. Dazu müsse man auch ihren kulturellen Hintergrund verstehen. "Junge Migranten verkörpern heute aus ihrer Sicht eine der letzten Bastionen der Männlichkeit." Sie haben oftmals archaische Verhaltensmuster verinnerlicht, wollen sich durchsetzen und ihren Stand in einer Gruppe behaupten. "Nur wenn wir uns gegenseitig verstehen und verständlich machen können, profitieren wir voneinander", so Strohmaier. Als Grundhaltung in der Jungenarbeit sei es wichtig, nicht bei den Schwächen, sondern bei den Stärken und Ressourcen der Jugendlichen anzusetzen. Wie dieses Prinzip in der Praxis umgesetzt wird, wurde an fünf Projekten aus der Jungenarbeit veranschaulicht.

Beispiel 1: Das Kochprojekt der internationalen Kindergruppe "Solar" der eva. Immer montagnachmittags ist in der Kindergruppe "Solar" Jungentag. Beim Kochprojekt lernen die 9- bis 14-Jährigen, wie man Essen zubreitet, den Tisch deckt, abspült und vieles mehr. "Am Anfang ist es nicht leicht, die Jungen zu motivieren, denn für viele ist das Frauenarbeit", so Carsten Pohl von "Solar". Die meisten stammen aus Familien mit Migrationshintergrund und müssen zu Hause im Haushalt nicht helfen. Im Projekt lernen die Jungen, dass es nicht "unmännlich" ist, in der Küche zu stehen, sondern dass es sogar Spaß machen kann.

Beispiel 2: Der Boys-Day des Stadtjugendrings Stuttgart. Seit 2005 haben Jungen der Klassenstufe 8 die Möglichkeit, beim "Boys-Day" drei Tage lang in einen typischen Frauenberuf hineinzuschnuppern: Altenpfleger, Florist, Frisör und andere. "Wir bieten Praktika in etwa 20 Berufen an, bei denen der Frauenanteil bei über 70 Prozent liegt", sagt Joachim Stein vom Stadtjugendring. Ziel ist es, den Jungen bei ihrer Berufswahl neue Möglichkeiten aufzuzeigen.

Beispiel 3: Das Bogenbau-Projekt der Mobilen Jugendarbeit der eva. Selbst Bogen und Pfeile herstellen und ein Abenteuer in der Natur erleben – das konnten fünf Jungen bei einer Wochenendfreizeit der Mobilen Jugendarbeit Stuttgart-Ost. "Für unsere Stadtkinder war das eine ganz neue Erfahrung", so Eddy Götz von den Mobilen. "Es gab kein Klo, keine Spülmaschine, keine Bequemlichkeit, nur ein Zelt." Projekte wie dieses sollen den Jungen die Möglichkeit geben, sich neuen Herausforderungen zu stellen und Verantwortung zu übernehmen.

Beispiel 4: Weilimdorfer Projekt von ProE der eva. An drei Weilimdorfer Hauptschulen bieten die Sozialarbeiter von ProE für Jungen der Klassen 7 und 8 verschiedene Projekte an. Die Themen konnten die Jugendliche selbst wählen: Kochen, eine Seifenkiste bauen, Ringen und Klettern. "Am Anfang gab es große Anlaufschwierigkeiten", so Marcel Rademacher von ProE. "Viele Jungen haben Angst, zu scheitern und vor ihren Freunden das Gesicht zu verlieren." Daher stand zu Beginn die Beziehungsarbeit. Mittlerweile nehmen dreißig Jungen regelmäßig an den Projekten teil. Beim Seifenkisten-Bauen lernen sie zum Beispiel, wie man mit Werkzeug umgeht. Und dass man mit Eigeninitiative viel erreichen kann: Da es zu Beginn an Material fehlte, haben sie bei Firmen im Industriegebiet nachgefragt. "Viele Jungen haben eine extreme Konsumhaltung und hatten erst keine Lust. Doch dann haben sie gemerkt, dass sie Unterstützung bekommen, wenn sie aktiv werden", sagte Jörn Reusch von ProE. Ziel des Projekts ist es, künftig auch die Väter ins Boot zu holen. Doch auch hier ist noch Überzeugungsarbeit nötig – bei Vätern und Söhnen. "Viele Jungen haben ihre Väter noch nie bei solchen gemeinsamen Aktivitäten erlebt und können sich das gar nicht vorstellen."

Beispiel 5: Sexualpädagogik von Pro Familia Stuttgart. Für Schulklassen und Jugendgruppen bietet Pro Familia geschlechterspezifische Veranstaltungen zur Sexualaufklärung an. Über das Sexualverhalten von Jugendlichen liest man in den Medien meist nichts Gutes. Schlagzeilen wie "Generation Porno" oder "Die unaufgeklärte Nation" entsprechen aber nicht der Realität, sagte Michael Hirsch von Pro Familia. Laut der neusten Erhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erleben die meisten Jungen  ihren ersten Geschlechtsverkehr mit 16 und 17 Jahren. Und die absolute Mehrheit benutzt dabei ein Kondom: Der Anteil derjenigen, die gar nicht verhüten, ist in den vergangenen 30 Jahren von 29 auf 8 Prozent gesunken. "Der Wille zur Verhütung ist bei den Jungen auf jeden Fall da, aber viele haben nur ein Halbwissen und sind unsicher", so Michael Hirsch. Bei den Veranstaltungen zur Sexualaufklärung bespricht Michael Hirsch mit den Jungen daher auch ganz praktische Dinge wie Kondomgrößen oder alternative Verhütungsmethoden. Wissbegierig sind die Jungen aber auch bei grundsätzlichen Fragen wie Liebe, Zärtlichkeit oder Homosexualität. 

Die Beispiele zeigen, dass Jungenarbeit schon jetzt vielfältig ist. Insbesondere in der Sozialen Arbeit sind die Konzepte sehr weit entwickelt. Defizite sieht Dr. Jürgen Strohmaier hingegen bei den Hilfen zur Erziehung und der Heimbetreuung. "Man kann sagen: Je schwieriger die Jungen sind, desto weniger trifft man auf Jungenarbeit." Häufig sind die Angebote nicht systematisch in den Einrichtungen verankert. "Wenn ein engagierter Kollege geht, gibt es oftmals auch keine Jungenarbeit mehr", so Strohmaier. Auch die Inhalte der Schulbildung gehören aus seiner Sicht auf den Prüfstand. "Welches Interesse hat ein 16-Jähriger kurdischer Herkunft, Faust zu lesen? Einen Text, zu dem er keinerlei Bezug hat." Auch das dreigliedrige Schulsystem, das Kinder sehr früh nach ihren Leistungen trennt, trage dazu bei, dass nur leistungsstarke Schüler weiterkommen. Andere blieben auf der Strecke. Das treffe Schüler mit Migrationshintergrund, die sprachliche Defizite haben, besonders hart.