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Volkskrankheit Depression: Wenn das Leben zur Last wird

Fachleute beleuchten beim Treff Sozialarbeit Ursachen und Therapien

Immer wieder rückt das Thema Depression in den Fokus der Medien. Zuletzt hat der Fall von Robert Enke Bestürzung ausgelöst. Der erfolgreiche Fußball-Profi nahm sich im November 2009 das Leben – er hatte jahrelang an einer Depression gelitten. Aber nicht nur die große Medienpräsenz führt zu der Einschätzung, dass depressive Störungen zunehmen. Auch Studien bestätigen dies. Über Ursachen und Therapiemöglichkeiten haben am Donnerstag, 17. November, Experten und Betroffene beim Treff Sozialarbeit der Evangelischen Gesellschaft (eva) diskutiert. Das Thema lautete: „Der erschöpfte Mensch – Wege aus der Depression“.

Auf den ersten Blick scheinen die Zahlen eine eindeutige Sprache zu sprechen – psychische Erkrankungen sind auf dem Vormarsch: Laut einer Statistik der AOK haben sich im Jahr 2008 achtzig Prozent mehr Menschen aufgrund psychischer Probleme krank gemeldet als noch 1995. Und bei jedem zweiten bis dritten Fall handelt es sich um eine depressive Störung. Psychische Erkrankungen sind auch immer häufiger der Grund dafür, dass Menschen in Frührente gehen. Bei Männern hat sich der Anteil von 1983 bis 2003 etwa verdoppelt, bei Frauen sogar fast verdreifacht. Allerdings betonte Prof. Jürgen Armbruster, Vorstandsmitglied der eva, dass diese Zahlen unterschiedlich interpretiert werden können: „Nehmen psychische Erkrankungen tatsächlich zu? Oder werden sie besser und schneller diagnostiziert?“

Doch unabhängig davon, wie man die Statistiken deutet – die Zahl ist alarmierend hoch. Sozialpsychologen wie Heiner Keupp sprechen von der „erschöpften Gesellschaft“. In vielen Bereichen – Politik, Wirtschaft, aber auch im Privaten – gehe es nur noch darum, den Alltag zu bewältigen. „Gleichzeitig haben wir nicht gelernt, mit dem Scheitern umzugehen“, so Armbruster. Stattdessen trage heute jeder Einzelne ein extrem großes Maß an Verantwortung für sein Glück, seinen Erfolg, aber eben auch für seinen Misserfolg. „Das hat es früher so nicht gegeben. Und viele sind nicht in der Lage, dies alles zu tragen.“ 

„Ich konnte den Druck nicht mehr bewältigen“

Auch Dieter S. trug schwer an seiner Last und erkrankte schließlich an einer Depression. Seine Mutter war alkoholabhängig, der strenge Vater leugnete die Krankheit der Mutter. „Es war sehr schwierig, in einem solchen Umfeld aufzuwachsen“, erzählte der heute 51-Jährige. Über viele Jahre „funktionierte“ er nach außen trotzdem. Nach dem Abitur machte er eine Ausbildung zum Physiotherapeuten und Heilpraktiker. Er heiratete und wurde zweimal Vater. „Aber mit 45 kam der große Einschnitt. Ich fühlte mich wie ein großer Luftballon und konnte den Druck nicht mehr bewältigen.“ Er rammte sich Schraubklemmen in den Bauch, um den Druck nicht mehr zu spüren. Schließlich ließ er sich für drei Monate in einer Klinik behandeln. Mit seinem Arbeitgeber hatte er offen gesprochen und eine Wiedereingliederung vereinbart. „Aber als ich aus der Klinik zurückkam, habe ich nur noch drei Tage an meinem alten Arbeitsplatz gearbeitet“, erzählte Dieter S. „Dann ist mir aus wirtschaftlichen Gründen gekündigt worden.“ In einer Selbsthilfegruppe fand er wieder Halt. Heute leitet er selbst zwei Gruppen und arbeitet wieder als Physiotherapeut. Dennoch denkt er jeden Tag: „’Ich kann’s nicht’ – das hat sich sehr stark eingeprägt. Und ich kämpfe jeden Tag für eine neue Sichtweise.“

Solche negativen Gedanken, die immer wiederkehren, werden in der Psychotherapie „Denkfehler“ genannt. Einen Weg, sie zu überwinden, bietet die  kognitive Verhaltenstherapie. Deren Ansätze stellte Julia Schwendner vor, die als Therapeutin in der Klinik des Rudolf-Sophien-Stifts tätig ist. „Ziel dieser Therapie ist es, die Depressionsspirale aufzubrechen“, so Schwendner. Diese Spirale veranschaulichte sie an einem Beispiel: „Der Nachbar grüßt mich im Treppenhaus nicht. Ich denke: Der mag mich nicht. Dann traue ich mich nicht mehr ins Treppenhaus, weil ich ihm nicht mehr begegnen möchte. Ich ziehe mich zurück und meine Stimmung wird noch schlechter.“  In der Therapie geht es darum, Gedanken wie „Der mag mich nicht“ zu erkennen und ihnen rationale Gedanken gegenüberzustellen. Etwa: „Der Nachbar hatte einen schlechten Tag.“ Gemeinsam mit ihren Patienten erarbeitet Julia Schwendner positive Gedanken, die den Betroffenen helfen. Sie werden so lange eingeübt, bis sie automatisch kommen und die zerstörerischen Denkfehler möglichst verdrängen. 

Neue Wege, um die Betroffenen früher zu erreichen

Therapeutische Hilfe kommt jedoch meist erst dann zum Einsatz, wenn die Betroffenen schon sehr tief in einer Depression stecken. Viele haben zu diesem Zeitpunkt schon ihren Job und ihre sozialen Kontakte verloren. Um sie früher zu erreichen, geht das Gemeindepsychiatrische Zentrum (GPZ) in Freiberg neue Wege. „Wir sind in die Kirchengemeinde gegangen, um die Menschen dort als Multiplikatoren für das Thema zu gewinnen“, berichtete Markus Ruoff vom GPZ. Ziel war es, eine Gesprächsgruppe zu psychischen Störungen in der Gemeinde zu etablieren. Ruoff hielt zunächst zwei Vorträge in Gemeindehäusern, um über die Erkrankung und das Gesprächsangebot zu informieren. Mit Erfolg: Zu den Informationsveranstaltungen kamen mehr als 50 Interessierte; an dem ersten Treffen der Gesprächsgruppe nahmen 14 Männer und Frauen teil. Seit Februar 2011 trifft sich die Gruppe nun regelmäßig im Zwei-Wochen-Rhythmus. „Innerhalb der Kirchengemeinde hat eine Sensibilisierung für das Thema stattgefunden“, so Ruoff.

In der anschließenden Diskussion wurde die Forderung laut, dass sich auch die Arbeitswelt stärker mit dem Tabu-Thema Depression auseinandersetzen müsse. Viele Betroffene würden ihre Erkrankung aus Angst um ihren Arbeitsplatz verheimlichen. Auch Dieter S. stellte fest: „Wenn ich damals gesagt hätte, dass ich einen Beckenbruch habe und drei Monate in die Reha muss, dann hätte ich meinen alten Job heute noch. Davon bin ich überzeugt.“ Jürgen Armbruster kennt dieses Problem: „Man muss besonders am Arbeitsplatz auch die Risiken abwägen. Nicht in jedem Fall ist Offenheit die beste Lösung.“ Aber nicht nur Arbeitgeber, sondern auch die Arbeitsagentur habe bei dem Thema Nachhol-Bedarf, bemerkte eine Zuhörerin. Als sie wegen ihrer Depression arbeitslos wurde, hatte ihr Arbeitsvermittler kein Verständnis. Er forderte von ihr mehr Engagement bei der Jobsuche, obwohl sie damals schon von alltäglichen Dingen überfordert war. „Die Mitarbeiter der Agentur für Arbeit werden im Umgang mit auffälligen, psychisch kranken Menschen geschult“, entgegnete eine Mitarbeiterin der Agentur. Allerdings benötige dies viel Zeit. „Es ist wichtig, dass wir ein neues Bewusstsein etablieren. Aber das ist ein schwieriger Prozess.“

Die Powerpoint-Präsentationen von Julia Schwendner und Jürgen Armbruster können Sie hier herunterladen:

Therapie bei Depressionen (Julia Schwendner)
Der erschöpfte Mensch - Wege aus der Depression (Jürgen Armbruster)