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Den Wunsch nach Veränderung herauslocken, nicht überstülpen

Experten stellen beim Treff Sozialarbeit die Motivierende Gesprächsführung vor

"Ich hör’ mit dem Rauchen auf – nur nicht jetzt!" Wer kennt sie nicht, die halbherzigen Vorsätze, die niemals umgesetzt werden. Denn nur wer selbst motiviert ist, wird Veränderungen tatsächlich in Angriff nehmen. Daher bringen auch gut gemeinte Hinweise à la „Denk doch an deine Gesundheit!" meist wenig. Ein Beratungsansatz, der die eigene Motivation des Klienten in den Mittelpunkt stellt, ist die so genannte Motivierende Gesprächsführung. Ziel ist es, die innere Bereitschaft zur Veränderung aus dem Klienten herauszulocken, ohne Druck auf ihn auszuüben. Wie das funktionieren kann, haben drei Experten der Suchtberatung beim Treff Sozialarbeit der Evangelischen Gesellschaft (eva) am 22. September demonstriert. Dabei ist klar geworden: Es geht nicht nur darum, die richtigen Fragen zu stellen, sondern vor allem auch um die richtige Haltung des Beratenden.

''Die Motivierende Gesprächsführung ist eine Haltung, die getragen wird von Empathie und Respekt'', sagte Sabine Becker von der Suchtberatung der eva. Das Besondere an dem Beratungsansatz ist, dass sich Experte und Klient auf Augenhöhe begegnen. ''Als Experte weiß ich, wo es hingehen soll, aber ich gebe keine direktiven Ratschläge'', so Becker. Vielmehr werde der Klient als autonomes Gegenüber respektiert. Dazu gehört es auch, seinen Zweifeln und Widerständen zunächst einen Raum zu geben. ''Es ist ein ganz alltägliches Phänomen, dass Veränderungen ambivalent sind'', sagte Becker. So kann ein Raucher sich beispielsweise ein nikotinfreies Leben wünschen, weil er Geld sparen oder gesünder leben möchte. Gleichzeitig kann er Angst davor haben, ein Stück Lebensgefühl aufzugeben. Der Beratende berücksichtigt zunächst beide Seiten und geht mit dem Klienten alle pro- und contra-Punkte durch. Ziel ist es, dem Klienten die Widersprüche zwischen seinem Verhalten und seinen eigenen Wünschen bewusst zu machen: So kann dem Klienten etwa klar werden, dass das Rauchen nicht zu der eigenen Vorstellung eines vorbildlichen Vaters passt. Solche Diskrepanzen können helfen, die innere Zerrissenheit zwischen Für und Wider aufzulösen.

''Grundsätzlich gilt: Herauslocken statt überstülpen'', betonte Beate Klink von der Suchtberatung der eva. Zentrale Aufgabe des Beratenden sei es, den Willen nach Veränderung und die Zuversicht des Ratsuchenden zu würdigen und zu verstärken. ''Es ist immer wertvoller, wenn derartige Äußerungen von dem Klienten selbst kommen'', so Klink. Ein weiteres Prinzip ist es, Konfrontationen zu vermeiden und mit Widerständen des Ratsuchenden ''geschmeidig'' umzugehen. Damit ist gemeint, Zweifel des Klienten nicht negativ zu bewerten, sondern sie als Rückmeldung zu verstehen. Sie zeigen, dass der Ratsuchende noch auf dem Ist-Zustand beharrt. Statt dies zu bewerten, sollten die Gründe hierfür aufgespürt und bearbeitet werden.

Zwei Phasen des Beratungsprozesses

Ein Beratungsprozess läuft grundsätzlich in zwei Phasen ab. In der ersten Phase geht es darum, in dem Klienten die Bereitschaft für Veränderung zu wecken und zu stärken. Erst wenn alle Widerstände und Ambivalenzen überwunden sind, folgt mit Phase zwei die konkrete Umsetzung: Gemeinsam legen Berater und Klient Ziele fest und erstellen einen Plan, wie diese erreicht werden können – beispielsweise mit einem Kurs zur Tabak-Entwöhnung. ''Von der ersten Vorahnung, dass man etwas verändern sollte, bis zur Entscheidung vergeht häufig sehr viel Zeit. Das ist oft ein langes Hin und Her'', betonte Beate Klink. Entsprechend nehme die erste Phase meist sehr viel mehr Zeit in Anspruch als die konkrete Suchtbehandlung. Damit eine Veränderung stabil bleibt, muss der Berater ein gutes Gespür dafür haben, in welcher Phase der Ratsuchende gerade ist. Denn daran orientiert sich die Wahl der Gesprächsmethoden.

Mit einem Rollenspiel zwischen Beraterin und Klientin machten Sabine Becker und Beate Klink die Besonderheiten der Motivierenden Gesprächsführung deutlich. Dabei wurde klar: Der Experte vermeidet es, mit wissenschaftlichen Fakten und Statistiken zu argumentieren. Und er zieht aus Äußerungen des Klienten wie 'Irgendwann möchte ich mir das Rauchen abgewöhnen' keine vorschnellen Schlussfolgerungen. Statt dem Ratsuchenden sofort zu dem Entschluss zu gratulieren und einen Kurs zur Tabak-Entwöhnung vorzuschlagen, sollte der Beratende zunächst weiter nachspüren. Denn wenn er bestehende Widerstände und Ängste des Klienten nicht wahrnimmt, ist ein Erfolg der Beratung fraglich.

In vielen Bereichen der Sozialen Arbeit einsetzbar

Die Motivierende Gesprächsführung ist in der sozialen Arbeit vielfältig einsetzbar: überall dort, wo Menschen bei einer Veränderung in ihrem Leben unterstützt und begleitet werden sollen. Dabei spielt in der Beratung nicht nur die Motivation des Klienten eine Rolle. Denn dieser ist immer auch eingebettet in ein gesellschaftliches System, das Erwartungen und teilweise auch Zwänge produziert. Für den Beratenden stellt sich daher immer auch eine grundsätzliche, philosophische Frage. Diese formulierte Günther Zeltner, Abteilungsleiter der eva-Dienste für Prävention, Beratung und Behandlung, so: ''Verstehe ich mein Gegenüber als freien Menschen, der eigene Entscheidungen trifft? Oder als Getriebenen?'' Und ganz konkret macht es einen Unterschied, ob jemand freiwillig Hilfe sucht oder in die Beratung kommt, weil er Auflagen des JobCenters oder des Gerichts erfüllen muss. Derartige Kontexte müssten im Vorgehen immer berücksichtigt und thematisiert werden.

Wie aber passen solche äußeren Zwänge durch Behörden mit der geforderten Autonomie des Klienten zusammen? Auf die Frage eines Zuhörers stellte Günther Zeltner fest, dass das wichtigste in der Beratung die Transparenz sei. ''Als Berater muss ich dem Klienten offen mitteilen, welchen Auftrag ich von wem habe.'' Eine weitere Frage zielte in der Diskussion auf die Glaubwürdigkeit des Beratenden ab. Wie authentisch kann er als Person überhaupt noch sein, wenn er im Gespräch einer erlernten Technik der Gesprächsführung folgt? ''Alles, was ich vermittle und wie ich interagiere, muss auch im Einklang mit mir selbst stehen'', betonte Sabine Becker. Dies sei ein wichtiges Prinzip. Denn die Klienten spürten sehr genau, ob der Beratende aus dem Lehrbuch zitiere oder authentisch sei.

Literaturhinweise:
Peter Bieri (2001): Das Handwerk der Freiheit. Über die Entdeckung des eigenen Willens. Hanser. (9. Auflage 2009)

William R. Miller/ Stephen Rollnick (2004): Motivierende Gesprächsführung. Lambertus.

Hal Arkowitz/ Henny A. Westra/ William R. Miller/ Stephen Rollnick (2010): Motivierende Gesprächsführung bei der Behandlung psychischer Störungen. Beltz Psychologie Verlags Union.

Dokumentation:
Die Powerpoint-Präsentation der drei Referierenden können Sie hier als PDF herunterladen.