Veranstaltungen > Berichte und Dokumentationen > Treff Sozialarbeit 2009 > "Soziale Stadt" - TSA 11/09
"Städte bestehen nicht nur aus Häusern und Straßen, sondern aus Menschen und Hoffnungen"
Experten diskutieren beim Treff Sozialarbeit über das Förderprogramm "Soziale Stadt"
Manche Stadtteile in Stuttgart - wie etwa Rot oder Fasanenhof - haben mit besonders großen städtebaulichen und sozialen Problemen zu kämpfen: Hier leben viele arbeitslose Menschen, Zuwanderer-Familien sind nur schlecht integriert, die Gebäude sind baufällig, es fehlt an Treffpunkten und Freizeitangeboten. Um die Lebensbedingungen in solchen benachteiligten Stadtteilen zu verbessern, haben Bund und Länder im Jahr 1999 das bundesweite Programm "Soziale Stadt" gestartet. Auch sechs Stuttgarter Stadtteile nehmen daran teil. Wie sich das Programm dort konkret auswirkt, darüber haben Experten beim Treff Sozialarbeit der Evangelischen Gesellschaft (eva) am Donnerstag, 19. November, diskutiert. Das Thema lautete: "Ein Stadtteil verändert sich: Potenziale des Programms Soziale Stadt".
''Städte bestehen nicht nur aus Häusern und Straßen, sondern aus Menschen und Hoffnungen'', so formulierte Reinhard Thies, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit, den Leitgedanken der ''Sozialen Stadt''. Entsprechend liegt dem Förderprogramm ein integrativer, ganzheitlicher Ansatz zugrunde. Gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern erarbeiten Experten ein ganzheitliches Entwicklungskonzept für den Stadtteil. Dabei geht es nicht nur um bauliche Aspekte wie darum, Gebäude und Straßen zu sanieren. Wichtiger Bestandteil sind ebenso sozial-integrative Projekte, zum Beispiel in den Bereichen Bildung, Integration, Arbeit und Gesundheit. Alle Förderaspekte haben dabei ein gemeinsames Ziel: die Wohn- und Lebensqualität der Menschen im Quartier zu verbessern.
Je konkreter das Projektziel, desto besser
Finanziert wird die ''Soziale Stadt'' jeweils zu etwa einem Drittel durch den Bund, die Länder und die Kommunen. Von 1999 bis 2008 wurden bundesweit 520 Stadtteile und Wohnquartiere mit insgesamt über 2,2 Milliarden Euro gefördert. In Baden-Württemberg waren es 50 Fördergebiete, davon sechs in Stuttgart: Freiberg/Mönchsfeld, Neugereut, Hallschlag, Rot, Giebel und Fasanenhof.
Wie das Programm ''Soziale Stadt'' konkret umgesetzt wird, stellte Martin Holch, Stadtplaner bei der Stadt Stuttgart, vor. Zu Beginn steht die offene Bürgerbeteiligung, bei der jeder Bewohner seine Anregungen, Wünsche und Projektvorschläge einbringen kann. Auch die im Stadtteil verankerten Vereine, Verbände und Institutionen sind am Planungsprozess beteiligt. Alle bestehenden Ressourcen werden in themenbezogenen Arbeitskreisen gebündelt. Diese erarbeiten dann für ihren jeweiligen Bereich, zum Beispiel ''Kinder und Jugendliche'' oder ''Öffentliche Flächen und Verkehr'', strategische Ziele. Dabei funktioniere die Bürgerbeteiligung jedoch nicht immer gleich gut, so Holch. ''Besonders Bewohner mit geringer Bildung und Migranten lassen sich für die strategische Arbeit nur schwer ins Boot holen.'' Diese Zielgruppe zeige aber dann Engagement, wenn es darum geht, konkrete Projekte umzusetzen. ''Je konkreter das Projektziel, desto besser'', so Holch.
Stadtteilmanagement als Schnittstelle zwischen Stadt und Bürgern
Eine wichtige Rolle als Schnittstelle zwischen Bürgern und Stadtverwaltung spielt dabei das Stadtteilmanagement. ''Meine Aufgaben sind vielfältig'', sagte Ute Kinn, die seit zehn Jahren als Stadtteilmanagerin in Stuttgart-Rot tätig ist. ''Ich bin gleichzeitig Moderator und Mediator, Kümmerer, Kassenwart und Pressereferent.'' Gemeinsam mit Kollegen betreibt sie ein Stadtteilbüro, das Anlaufstelle für die Bürger ist. Ein zentraler Bestandteil ihrer Tätigkeit ist, zwischen verschiedenen Interessengruppen und Akteuren zu vermitteln. ''Die Experten der Sozial- und Stadtplanung hantieren oftmals mit Fachausdrücken, die die Bürger nicht verstehen. Deshalb ist es wichtig, eine gemeinsame Sprache für alle zu finden.''
Zahlreiche konkrete Projekte der Sozialen Stadt sind bisher in den sechs Stuttgarter Stadtteilen umgesetzt worden. Dazu gehört auch der Seniorentreffpunkt Rot, den Gabriele Rein von der Evangelischen Gesellschaft vorstellte. Das Projekt soll soziale Kontakte für ältere, allein lebende Menschen erleichtern. ''Wir gehen aktiv auf die Menschen zu und bieten auch einen Abholservice an'', so Rein. Ganz ''nebenbei'' habe das Projekt auch positive Rückwirkungen auf die Mitarbeitenden des Seniorentreffs gehabt. Bei der Suche nach Kooperationspartnern hätten sie den Stadtteil neu kennen gelernt und neue Kontakte geknüpft. ''Wir gehen jetzt mit anderen Augen durch Rot'', so Gabriele Rein. Ein weiteres Projektbeispiel ist der Stadtteiltreff ''Oase'' der eva in Stuttgart-Rot, der von Montag bis Freitag einen Mittagstisch anbietet. ''Das bürgerschaftliche Engagement war von Beginn an groß'', sagte Stefan Dimmler, Sozialarbeiter bei der ''Oase''. ''Viele haben sich ehrenamtlich beim Aufbau des Angebots engagiert.''
Ehrenamtliche dürfen nicht allein gelassen werden
Neben den Erfolgen der Sozialen Stadt sprachen die Experten beim Treff Sozialarbeit auch Verbesserungsvorschläge und künftige Handlungsziele an. So forderte Reinhard Thies eine aktivere Beteiligung der Sozialen Arbeit an den operativen und strategischen Planungen. Bisher habe man viel zu oft die Beschlüsse der Kommunen abgewartet und erst dann überlegt, wie man tätig werden könne. ''Aber wir müssen uns nicht nur als Sozialdienstleister, sondern auch als Träger öffentlicher Belange verstehen'', so Thies. ''Es ist wichtig, dass wir uns aktiv in die Planungen einmischen und nicht warten, bis wir gefragt werden.'' Nur so könne es gelingen, die bisherige Dominanz der städtebaulichen Akzente zugunsten der Sozialen Arbeit zu verändern.
Das Thema Nachhaltigkeit lag Alexander Vecellio von der Jugendhilfeplanung der Stadt Stuttgart am Herzen. Denn das Programm ''Soziale Stadt'' ist befristet und in der Regel auf acht Jahre angelegt. Damit die Projekte auch danach weiterlaufen, dürfe man die ehrenamtlichen Helfer damit nicht allein lassen. ''Das Engagement der Bürger muss auf Dauer durch hauptamtliche Kräfte unterstützt werden.'' Er forderte zudem, die engen Grenzen von Zuständigkeiten und Arbeitsfeldern aufzubrechen. ''Wir brauchen ämterübergreifende Kooperationsstrukturen, weg von den Ressorts, weg von der alleinigen Entscheidungsgewalt.''
Ein weiterer Kritikpunkt: Die schwerfällige Umsetzung des Programms. ''Es dauert furchtbar lange, bis ein Projekt über die Bühne geht'', sagte SPD-Bezirksbeirat Dieter Kupsch, der auch Mitglied im Bürgerverein Rot ist. ''Das wird von allen Beteiligten als Nachteil empfunden.'' Aus Sicht von CDU-Stadträtin Ursula Pfau ist es ohnehin schwierig, die Bürger über den gesamten Projektzeitraum zu motivieren. ''Viele Menschen kommen und 'konsumieren' die Projektangebote für einige Monate - und das war's.'' Damit die Projekte nachhaltig bestehen bleiben, brauche es engagierte ''Menschen aus der Mittelschicht'', die es als ihre eigene Aufgabe ansehen, die Projekte fortzuführen. ''Nur dann kann es funktionieren.'' Reinhard Thies betonte zudem, wie bedeutend die traditionelle Gemeinwesenarbeit ist, damit die ''Soziale Stadt'' nachhaltig wirkt. Diese müsse ausgebaut und weiterentwickelt werden. Reinhard Thies: ''Die Freien Träger der Gemeinwesenarbeit sind fest im Stadtteil verankert. Und sie bleiben, wenn die Akteure des Städtebaus schon längst wieder weg sind.''
Die Folien des Vortrags von Reinhard Thies, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit, finden Sie hier:
Soziale Stadt: Das Bund-Länderprogramm als Herausforderung und Chance für die Gemeinwesenarbeit




