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Von Angst überwältigt

Wenn ältere Menschen von ihren traumatischen Kriegserlebnissen eingeholt werden

Viele ältere Menschen, die vor und während des Zweiten Weltkriegs geboren wurden, haben in ihrer Kindheit und Jugend Traumatisches erlebt: Bombenangriffe, Hunger, Gewalt, den Tod von Freunden und Verwandten, schließlich Flucht und Vertreibung. Diese Erlebnisse wurden damals häufig nicht verarbeitet, sondern verdrängt. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren galt es als klüger, zu schweigen und das Erlebte tief in sich zu vergraben. Erst im Alter erleben viele Betroffene eine Trauma-Reaktivierung. Dabei brechen die erlebten Angsterfahrungen wieder auf und stürzen die älteren Menschen in eine Krise. „Jung im Krieg – Alt mit Trauma? Pflege und Beratung alter Frauen und Männer beim Wiedererleben früherer Gewalterfahrungen“ lautete daher das Thema beim Treff Sozialarbeit der Evangelischen Gesellschaft (eva) am 15. November. Im Haus der Diakonie diskutierten Experten darüber, wie man eine Trauma-Reaktivierung von anderen Krankheitsbildern unterscheiden kann und was im Umgang mit Betroffenen zu beachten ist.

Ein Trauma wirkt sich auf alle Körperfunktionen aus

Genau mit diesem Thema beschäftigt sich seit vielen Jahren die Trauma- und Gestalttherapeutin Cordula Gestrich, die derzeit im Behandlungszentrum für Folteropfer in Ulm arbeitet. „Ein Trauma ist ein Erlebnis, das unser Leben erschüttert und uns in Schrecken versetzt. Es geht immer einher mit einer überwältigenden Angst und dem Gefühl von Hilflosigkeit“, sagte die Expertin. Ein Trauma wirke sich auf alle Körperfunktionen aus: auf die Atmung, das Herz, den Puls, den Magen-Darm-Trakt und die Muskulatur. Um eine solche extreme Stresssituation zu überleben, könne der Körper in der akuten Situation auf verschiedene Strategien zurückgreifen. Da wirke dann das Prinzip „fight, flight, freeze“ (Kämpfen, Flüchten, Erstarren). Doch selbst wenn der Betroffene das Erlebte verdrängt, bleibt die traumatische Erfahrung im Gehirn gespeichert. 

Häufig kommt es gerade im Alterungsprozess zu einer Reaktivierung des Traumas. „Zum einen haben Ältere mehr Zeit zum Nachdenken, zum anderen erhöht sich der Druck mit Blick auf das Lebensende. Viele stellen sich die Frage: Welchen Sinn hat mein Leben eigentlich gemacht?“, so Gestrich. Auch der körperliche Verfall und das zunehmende Gefühl von Hilflosigkeit befördern die Krise.

Betroffene leiden an Panikattacken und Albträumen

Dabei sind für die so genannte „posttraumatische Belastungsstörung“ (PTBS) verschiedene Symptome typisch. Viele Betroffene leiden unter Schlafstörungen, Panikattacken und Albträumen, sie sind extrem schreckhaft und leicht erregbar. In Flashbacks durchleben sie das traumatische Ereignis wieder und wieder. „Dabei bekommen sie schwitzige Hände, die Gesichtsfarbe und auch der Ausdruck in den Augen verändert sich“, so Gestrich. Ausgelöst werden können solche Zustände durch innere Faktoren wie Gedanken, Gefühle oder Erregung, aber auch durch äußere Schlüsselreize, so genannte „Trigger“. Und das kann laut Cordula Gestrich „eigentlich alles“ sein: ein Geruch, eine Farbe, eine Situation, eine Berührung.  

Wer mit traumatisierten älteren Menschen arbeitet, sollte sich ausführlich mit deren persönlicher Biographie beschäftigen, riet die Expertin. „Es ist ganz wichtig, die historischen Ereignisse zu kennen und zu versuchen, sich in ihre Erlebnisse einzufühlen.“ Ein erster Schritt im konkreten Gespräch sei das Orientieren im Hier und Jetzt. Das heißt, dem Betroffenen klar zu machen: Das traumatische Erlebnis gehört der Vergangenheit an, er aber hat es überstanden und lebt. „Es ist wichtig, sich Zeit zu nehmen, den Betroffenen erzählen zu lassen und ihm seine persönlichen Ressourcen deutlich zu machen“, so Gestrich. Dabei gelte es, den Traumatisierten im Gespräch zu beruhigen, ohne ihn zu infantilisieren.

Beispiel Frau S.: "Immer ein Brecheisen neben dem Bett"

Um das Krankheitsbild anschaulicher zu machen, berichteten einige Fachleute über Fallbeispiele aus ihrer praktischen Arbeit. Eine Fachfrau war die Kunsttherapeutin Christine Denneler, die für die Else-Heydlauf-Stiftung tätig ist. Sie arbeitet seit Jahren mit Frau S., die an Zwangsneurosen und Depressionen leidet. Frau S. wurde 1945 in Westpreußen geboren und musste nach dem Krieg mit ihrer Familie fliehen. In den Bildern, die sie in der Therapie malt, kann sie ihre Ängste wie ihre Lichtphobie ausdrücken und mit den Erlebnissen der Vergangenheit in Verbindung bringen. „Sie hat in den letzten Monaten des Krieges viele Feuer durch abgestürzte Flugzeuge gesehen“, so Denneler. So seien die Bilder zu erklären, die Himmel voller Blitze zeigen.

Auch der gerontopsychiatrische Beratungsdienst Freiberg betreut traumatisierte Ältere. Birgit Schweißer berichtete von Frau X. Sie hat im Kindesalter die Bombardierung ihres Elternhauses erlebt, wurde brutal vergewaltigt und musste mit ansehen, wie ihr Cousin sich selbst erschoss, weil er nicht zur SA gehen wollte. „Frau S. leidet heute noch unter Schlafproblemen und Angstattacken. Und sie hat neben ihrem Bett immer ein Brecheisen liegen“, erzählte Birgit Schweißer. Frau S. könne ihr Leben zwar selbstständig meistern, brauche aber jemanden, der ihr zuhört. Durch die knappen zeitlichen und personellen Ressourcen gerieten die Mitarbeiter des Beratungsdienstes daher nicht selten an ihre Grenzen. „Da sind Fallbesprechungen und Fallsupervisionen besonders wichtig“, so Schweißer.

Was passieren kann, wenn das Wissen über traumatisierte Ältere fehlt, berichtete Hannelore Ernst vom Arbeitskreis Alter. Sie erzählte von Herrn S., der lange Zeit in einem Konzentrationslager gefangen war und noch heute unter Angstzuständen in geschlossenen Räumen leidet. Herr S., der mittlerweile demenziell erkrankt ist, wurde eines Tages von der Polizei aufgegriffen, als er spätabends auf der Straße umherirrte. Weil die Beamten zu so später Stunde nicht mehr klären konnten, wo Herr S. wohnt, brachten sie ihn für eine Nacht in eine Ausnüchterungszelle. Dies löste Erinnerungen an das KZ aus und führte bei Herrn S. zu schweren Panikattacken. „Das ist ein Beispiel, wie unsensibel teilweise mit den Betroffenen umgegangen wird“, kommentierte Hannelore Ernst.     

Ziel ist die Vernetzung aller Fachdienste

Dabei ist es nicht selten, dass posttraumatische Belastungsstörungen bei Älteren nicht erkannt werden. Die Symptome werden dann einer altersbedingten Demenz zugeschrieben. Aus diesem Grund hat auch der Arbeitskreis „Frau und Alter“ das Thema aufgegriffen, der zur Stabsstelle für individuelle Chancengleichheit von Frauen und Männern der Stadt Stuttgart gehört. Dr. Ursula Matschke, die Leiterin der Stabsstelle, stellte beim Treff Sozialarbeit die Ergebnisse einer Umfrage zu diesem Thema vor. Dabei wurden Einrichtungen wie Altenheime, Ambulante Pflegedienste, Gerontopsychiatrische Beratungsstellen u.ä. befragt, ob traumatisierte ältere und alte Frauen in der Praxis der Fachdienste auffallen und ob es Beratungsangebote für diese Zielgruppe gibt.

Ein Ergebnis dieser Erhebung stellte Dr. Ursula Matschke klar heraus: „Es gibt ein Fortbildungsdefizit in diesem Bereich.“ In der Mehrheit der befragten Fachdienste ist kein spezielles Angebot für Traumatisierte vorhanden. Häufig werden Betroffene auch nicht an Fachtherapeuten weitervermittelt. Für Dr. Ursula Matschke ist es daher ein wichtiges Ziel, alle Akteure, die mit traumatisierten älteren Menschen zu tun haben, besser miteinander zu vernetzen. Denn in einem sind sich die Experten mit den Organisatoren des Treffs Sozialarbeit einig. „Unwissenheit bei diesem Thema kann schwerwiegende Folgen haben“, so Michaela Angerer von der Evangelischen Gesellschaft.  

Die Dokumentation "Traumatisierung und Gewalt in der Lebensgeschichte älterer und alter Frauen und Männer" des Arbeitskreises Frau und Alter Stuttgart steht hier als PDF-Datei zum Download bereit. In dieser Broschüre  sind auch einige der Praxisbeispiele enthalten, die beim Treff Sozialarbeit referiert wurden.