Veranstaltungen > Berichte und Dokumentationen > Treff Sozialarbeit 2009 > Wohnungslosenhilfe für Frauen - TSA 10/09
Wohnungslose Frauen brauchen den Schutz in „männerfreien“ Schonräumen
Expertinnen diskutieren beim Treff Sozialarbeit über den Nutzen des geschlechtsspezifischen Hilfesystems
Wenn Frauen obdachlos werden, kann das viele Gründe haben. Häufig führen Armut und Arbeitslosigkeit dazu, dass sie ihre Miete nicht mehr bezahlen können. Andere landen nach der Trennung oder Scheidung von ihrem Partner auf der Straße. Jede fünfte obdachlose Frau ist vor der Gewalt in ihrer Beziehung aus der Wohnung geflüchtet. In ihrer prekären Lebenslage benötigen wohnungslose Frauen Schutz und "männerfreie" Schonräume, in denen sie sich ohne Angst aufhalten können. Die zuständigen Einrichtungen in Stuttgart halten ein breites Angebot bereit. Und doch stellt sich die Frage, ob die Kooperation der Einrichtungen greift und ob heutzutage eine spezielle Frauenförderung noch berechtigt ist. Beim Treff Sozialarbeit der Evangelischen Gesellschaft (eva) am Donnerstag, 15. Oktober, haben sich Expertinnen mit diesen Fragen auseinander gesetzt. Das Thema lautete: "Heutzutage wohnungslos? Warum? – Woher? – Wohin? Bewährtes Hilfesystem für wohnungslose Frauen in Stuttgart noch zeitgemäß?"
Diese Frage beantwortete Maria Hassemer-Kraus vom Verein "Ambulante Hilfe" eindeutig mit Ja. "Männer und Frauen haben auch heute noch unterschiedliche Lebensbedingungen", so Hassemer-Kraus. "Daher ist Frauenförderung so lange erforderlich, so lange Frauen und Männer nicht gleichberechtigt sind." Gemeinsam mit engagierten Kolleginnen hat sie zu Beginn der 1980er-Jahre in Stuttgart die Wohnungslosenhilfe für Frauen aufgebaut. Geschlechtsspezifische Angebote gab es damals so gut wie gar nicht. Die bestehenden Hilfseinrichtungen waren meistens stationär ausgerichtet und von Männern dominiert. "Außerdem herrschte noch die Ansicht, dass jeder selbst schuld ist, wenn er auf der Straße landet". Erst allmählich setzte sich die Einsicht durch, dass Armut und Wohnungslosigkeit auch gesellschaftlich bedingt sind. Auch mit Hilfe verschiedener wissenschaftlicher Studien zum Thema Wohnungslosigkeit wurde der Weg frei für ein breiteres und auch geschlechtsspezifisches Hilfsangebot. Dass sich dieses Angebot bewährt habe, zeige die große Nachfrage, so Hassemer-Kraus. Jedes Jahr sind es im Schnitt etwa 850 Frauen, die in den Fachberatungsstellen in Stuttgart Hilfe suchen.
Ein Dach über dem Kopf ist in der Notsituation das wichtigste
Dazu gehört auch die Zentrale Frauenberatung, die gemeinsam vom Verein "Ambulante Hilfe", dem Caritasverband und der Evangelischen Gesellschaft (eva) getragen wird. "Die meisten Frauen werden von der Bahnhofsmission, der Polizei, Krankenhäusern, dem JobCenter, dem Sozialamt oder anderen Beratungsstellen und Notunterkünften zu uns geschickt", sagte Hermine Perzlmeier von der Frauenberatung. In akuten Notfällen gehe es zunächst um die Existenzsicherung der wohnungslosen Frauen. "Die wichtigsten drei Dinge sind beim Erstkontakt: ein Bett und Geld organisieren und einen neuen Termin ausmachen", so Perzlmeier.
In Stuttgart bieten vier Einrichtungen insgesamt zwölf Notübernachtungsplätze speziell für Frauen an, unter anderem das Neefhaus. "Bei uns finden Frauen kurzfristig einen geschützten Raum und Sicherheit", sagte die Leiterin der Einrichtung, Ursula Leutert-Ehring. "Die Eingangstür ist geschlossen und kameraüberwacht." Anders als Frauenhäuser nimmt das Neefhaus aber keine Frauen auf, die akut von Gewalt bedroht sind, beispielsweise wenn sie wegen einer drohenden Zwangsheirat aus ihrer Familie fliehen. "Wir müssen die Aufnahme ablehnen, wenn wir damit die anderen Frauen in Gefahr bringen würden", so Leutert-Ehring. Denn das Neefhaus hat insgesamt 65 Plätze, neben den Notunterkünften gibt es ein Aufnahmehaus, ein Übergangswohnheim und einen Dauerwohnbereich.
Wie es nach der Übernachtung in einer Notunterkunft weitergeht, entscheidet wiederum die Fachberatungsstelle. "Wir versuchen dann, den Bedarf zu klären und ein passgenaues Angebot zu finden", berichtete Hermine Perzlmeier. Denn viele wohnungslose Frauen seien aufgrund der erlebten Gewalt traumatisiert, für manche sei die Vorstellung von einem Drei-Bett-Zimmer in einem Wohnheim unzumutbar. "Wichtig ist, dass wir die Frauen so gut kennen lernen, dass wir einen individuellen Hilfeplan erstellen können", so Perzlmeier. Häufig folgt auf die kurzfristige Notübernachtung die Vermittlung in ein Aufnahmehaus. Hier können die Frauen drei Monate bleiben. In dieser Zeit bleibt der regelmäßige Kontakt zur Fachberatung bestehen, um eine längerfristige Lösung für die Wohnsituation zu finden.
Wertschätzung und Akzeptanz sind für die Klientinnen besonders wichtig
Ein begleitendes, niedrigschwelliges Angebot ist in dieser Zeit zudem der Tagestreff "femmetastisch" für Frauen. Unter der Woche ist die Einrichtung von 12 bis 18 Uhr geöffnet. "Die Frauen können bei uns ein warmes Essen zu einem moderaten Preis bekommen. Es gibt die Möglichkeit, Wäsche zu waschen und zu duschen", erklärte Ingrid Wiesler vom Tagestreff. Dazu bietet die Einrichtung vielfältige, tagesstrukturierende Angebote wie eine Kreativwerkstatt, einen Näh- oder Trommelkurs. Einmal im Monat wird im Tagestreff zudem Geburtstag gefeiert. "Viele Frauen haben sich und ihre Bedürfnisse jahrelang vernachlässigt. Auch an ihren Geburtstag haben sie nicht mehr gedacht", so Wiesler. Durch solche Angebote soll es gelingen, das Selbstwertgefühl der Frauen wieder zu steigern.
Wie wichtig die Aspekte Wertschätzung und Akzeptanz für die Klienten sind, zeigt eine wissenschaftliche Studie aus dem Jahr 2004/2005. Dabei untersuchte Prof. Katja Maar von der Hochschule Esslingen den Gebrauchswert der Hilfsangebote aus Sicht der Nutzer. Der Hintergrund dieser Forschungsperspektive: Die Wohnungslosenhilfe kann nur dann erfolgreich sein, wenn die Klienten darin einen konkreten Nutzen für sich sehen. "Andernfalls werden sie sich eher passiv verhalten oder Hilfe gar nicht in Anspruch nehmen", so Maar. Die qualitative Befragung brachte klare Ergebnisse. Für die Klienten ist es besonders wichtig, von den Fachleuten der sozialen Arbeit in ihrer Persönlichkeit anerkannt zu werden. Als belastend empfinden sie dagegen die bürokratische Struktur der Dienstleistungen. "Häufig fühlen sich die Klienten überfordert, weil sie das System nicht durchschauen", so Maar. Die vielen Wege, die bei der Hilfesuche zurückzulegen sind, stellen sie zudem vor finanzielle Probleme: "Oft ist einfach kein Geld für die Fahrkarte zum Jobcenter oder zur Beratungsstelle da." Auch das soziale Milieu in den Wohneinrichtungen bezeichneten die Befragten als unangenehm und problematisch. Einen geschlechterspezifischen Unterschied stellte Maar darin fest, wie aktiv Wohnungslose Hilfe einfordern. "Wohnungslose Männer treten oft sehr selbstbewusst auf. Frauen dagegen nehmen Hilfe nicht so aktiv in Anspruch, sie verhalten sich eher passiv und misstrauisch." Aus ihrer Studie zog Prof. Maar konkrete Schlussfolgerungen. Ein breites Angebot der Wohnungslosenhilfe sei „absolut notwendig“, insbesondere für Frauen. "Sie sind auf die Bereitstellung langfristig ‚männerfreier’ Räume angewiesen", so Maar. Zudem gelte es, die niederschwelligen Hilfsangebote weiter auszubauen.
Immer noch Lücken im Hilfesystem
In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass auch in dem breiten Hilfsangebot in Stuttgart noch Lücken sind. "Es gibt zu wenig Angebote für obdachlose Paare", sagte eine Zuhörerin. Das Recht auf eine Beziehung sei bisher ein zu wenig beachtetes Problem in der Wohnungsnotfallhilfe. Auch Maria Hassemer-Kraus räumte ein, dass hier noch Nachhofbedarf bestehe. Allerdings sei auch in den frauenspezifischen Angeboten Männern der Zutritt nicht grundsätzlich verboten. "Wir bieten zum Beispiel Übernachtungsverträge für Männer an", berichtete Ursula Leutert-Ehring vom Neefhaus. In diesem Vertrag müssen sich die Männer verpflichten, auf Alkohol und Gewalt zu verzichten und die Regeln des Neefhauses zu achten. "Dieses Angebot wird rege genutzt", so Leutert-Ehring. Auch in die Zentrale Frauenberatung können Männer ihre Partneinnen begleiten. "Aber nur auf Wunsch der Frau", betonte Hermine Perzlmeier. Ein anderes Problem ist die Unterbringung von Frauen, die zwar pflegebedürftig sind, aber noch keine Pflegestufe haben. "Wir wissen buchstäblich nicht wohin", sagte eine Mitarbeiterin des Christoph-Ulrich-Hahn-Hauses. Sie schilderte den Fall einer wohnungslosen Frau im Rollstuhl, für die sie in Stuttgart keine längerfristige Unterbringung findet.
Grundsätzlich waren sich Expertinnen und Zuhörer einig: Ein vielfältiges Angebot für wohnungslose Frauen ist auch heute noch unverzichtbar. "Zumal die Zahl der betroffenen Frauen stetig steigt", so Michaela Angerer von der Evangelischen Gesellschaft. Umso wichtiger sei es, so Maria Hassemer-Kraus, dass das über Jahre gewachsene Hilfesystem zumindest in seiner jetzigen Form bestehen bleibe – trotz knapper Kassen der Stadt.




