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Der Familie vertrauen

Neue Methoden der Konfliktbewältigung beim Treff Sozialarbeit

Nachbarschaftsstreitigkeiten, Mietärger, Gewalttätigkeiten, Ehekrach, Familienzwist: Die unerfreuliche Liste der Ursachen für Konflikte ließe sich fast beliebig fortsetzen. Die Lösung indes ist oft schwer, gleich, ob der Auslöser eine Nichtigkeit war oder eine tiefe Verletzung vorausgegangen ist. Eine Erfahrung, die Mitarbeiter in der Sozialarbeit immer wieder machen müssen. Wie Verantwortung für etwas übernehmen, das im Grunde Privatangelegenheit anderer ist? Wie eine nachhaltige Lösung finden, wenn die Betroffenen die Regelung innerlich nicht akzeptieren und gleich wieder in alte Muster verfallen, sobald das wachsame Auge wegsieht?

Das Dilemma des hilflosen Helfers

Ein Dilemma, auf die die Sozialarbeit mit neuen Methoden antwortet, die, aus Übersee kommend, auch in Deutschland immer mehr Freunde finden. Gemeinsamer Kern: Die Konfliktparteien selbst müssen die Lösung finden. Sozialarbeiter und Experten sind unparteiisch, stellen lediglich den Rahmen und achten darauf, dass der Konflikt fair und nach festen Spielregeln angegangen wird. Ein Element, das Mediation, die Familienkonferenz und die „Restorative justice conference“ gemein haben: Jene Methoden, die Experten und Zuhörer beim Treff Sozialarbeit der eva am Donnerstag, 20. September, diskutiert haben. Das Thema des Tages lautete „Helft euch selbst – dabei hilft euch einer“.

Erster Experte war Georg Hegele vom Internationalen Beratungszentrum der eva. Sein größtes Anliegen ist das Projekt „Interkulturelle Mediation“ in Stuttgart-Ost. In dem Bezirk der Landeshauptstadt, der den zweithöchsten Anteil an Migranten verzeichnet, will das Projekt die Mediation als Mittel der Konfliktlösung etablieren. Die Chancen stehen nicht schlecht. Schon haben die Macher über 20 künftige Mediatoren gefunden, die ausgebildet werden. Besonders erfreulich findet Hegele, dass unter den künftigen Streitschlichtern viele verschiedene Nationen vertreten sind. „Da fühlen sich die Leute verstanden, sowohl sprachlich als auch vom kulturellen Hintergrund.“

Erste Schritte: zuhören und ausreden lassen

Ebenfalls wichtig, das stellte Hegele klar, sind bei der Mediation klare Regeln. Nur wenn das Verfahren transparent ist, können die Streitenden den Mediator als Schiedsrichter akzeptieren. So bekommt jede Seite die Chance, die eigene Position darzulegen. Unterbrechungen sind nicht erlaubt. „Zuhören und ausreden lassen, das sind schon mal sehr gute Übungen“, sagte Hegele. Nach und nach nähern sich die Streitenden dem Problem. Oftmals geschieht das in Etappen. „Ist eine erste kleine Einigung erzielt, fallen die weiteren Schritte leichter“, so die Erfahrung des Experten. Dass er noch einen langen Weg vor sich hat, weiß Georg Hegele: „Wir wollen die Streitkultur in einem ganzen Stadtteil umpolen.“ Und zwar nachhaltig: Wenn die Förderung des Bundesamtes für Migration im September 2009 endet, soll sich das Projekt allein tragen.

Die Ressourcen der Streitenden zur Lösung nutzen, das will auch Monika Painke, die bei der Schlichtungsstelle Opfer-Täter-Ausgleich am Jugendamt der Stadt Stuttgart arbeitet. Sie stellte die „Restorative justice conference“ vor. Nach einem Übergriff suchen Opfer und Täter, ihre Familien und weitere Betroffene nach einer Lösung für den schwelenden Konflikt. Eine Einigung, die in einer solchen Konferenz gefunden wird, bietet die Chance, einen Streit wirklich beizulegen. Echte ersetzt gespielte Reue, Rachegelüste schwinden, ein Weg aus einer Spirale von Gewalt und Vergeltung tut sich auf. Dass das funktioniert, davon ist die Expertin überzeugt. Einzig fehle der Methode in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern noch die Lobby.

Die Methoden der Maori

Auf den Spuren der neuen Methoden war Sozialarbeiterin Heike Hör unterwegs. Unter anderem auch in Neuseeland, wo sich aus Traditionen der Ureinwohner Maori die Familienkonferenz entwickelt hat, auch unter dem englischen Name „Family conference“ bekannt. Heike Hör, die beim Jugendamt der Stadt Stuttgart arbeitet, hat großes Vertrauen in das Konzept. Warum das so ist, das machte sie mit einem Fallbeispiel aus Stuttgart klar: Es ging um das Wohl des kleinen Marian, wenige Wochen alter Sohn der drogensüchtigen Monika. Die Mutter will sich um ihren Sohn kümmern, sagt sich von der Szene los, gibt, was sie kann, um in eine gemeinsame Zukunft mit ihrem Kind zu starten. Dann aber diagnostizieren Ärzte eine psychische Erkrankung. Monika, so die Befürchtung, könnte sich oder dem Kind etwas antun. Was geschehen soll, darüber hat allein die Familie entschieden.

Leicht war er nicht, der Weg zur gemeinsamen Konferenz, wie Heike Hör berichtete, die das Treffen organisiert hat. Mal lud Monika einen ihrer Brüder aus, mal sagte die große Schwester ab, machte dann doch mit.  Schließlich aber saßen alle in einem Raum im Kreis, auf dem Boden verteilt Fotos von Marian. Niemand sollte vergessen, über wessen Zukunft hier entschieden würde. Nach kurzer Zeit stand der Beschluss: Marian würde zunächst in einer Bereitschaftspflegefamilie leben, seine Mutter sollte ihn fast täglich sehen. Die ganze Familie nahm sich fest vor, Monika zu unterstützen. Die Mutter selbst bleibt in Behandlung, bereitet sich darauf vor, mit Marian zusammenzuleben. „Das ist ziemlich genau das, was auch der Sozialdienst entschieden hätte“, sagte Heike Hör. Aber: „Die Familie hat die Notwendigkeit gesehen. Die Stimmung ist gut.“ Bei einem Bescheid von einer staatlichen Stelle, von „oben“, sähe das wohl deutlich anders aus.

Hier können Sie die Präsentation von Georg Hegele herunterladen.

Haben Sie weitere Fragen, können Sie per E-Mail mit Heike Hör Kontakt aufnehmen (heike.hoer(at)stuttgart.de).