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Vorbeugen und vorbereitet sein

Beim Treff Sozialarbeit diskutieren Experten über akute Krisen und Präventionsarbeit an Schulen

Der grausame Tod eines Schülers des Stuttgarter Wagenburg-Gymnasiums hat traurige Bekanntheit erlangt und die Öffentlichkeit tief bewegt. Und der „Betonmord“ hat erneut allen vor Augen geführt, dass traumatische Ereignisse auch Schulen betreffen können. „Streit, Krisen und Gewalt an Schulen: Was können die Systeme Schule, Jugendhilfe und Polizei leisten?“ lautete daher das Thema beim Treff Sozialarbeit der Evangelischen Gesellschaft (eva) am Donnerstagmorgen. Wenn sich schwere Tragödien auch bisweilen an Schulen oder unter Schülern abspielen, so ist der Alltag doch ein ganz anderer, zumeist friedlicher. Daher ging es den Treff-Machern darum, beide Seiten zu zeigen: Einerseits den Alltag, in dem viele Beteiligte immer versuchen, Probleme im Vorfeld zu erkennen und möglichen Geschehnissen vorzubeugen. Andererseits auch die Ausnahmesituation, die akute Krise.

Genau damit beschäftigt sich Irmgard Sinning-Brinkmann. Die Psychologin und Sonderschullehrerin arbeitet an der Schulpsychologischen Beratungsstelle der Stadt Stuttgart und ist vor Ort, wenn sich Schlimmes ereignet hat. Das kann der Tod eines Klassenkameraden sein, ein Suizidversuch an der Schule (Sinning-Brinkmann: „Das passiert relativ häufig“), ein schwerer Unfall. Gewalt ist ein Thema, Straftaten wie Entführung oder Vergewaltigung ebenso. „Das ist alles nicht wahrscheinlich, aber wir wollen vorbereitet sein“, sagte die Expertin.

Eine Verwaltungsvorschrift nimmt die Schulen in die Pflicht

Eine neue Verwaltungsvorschrift soll garantieren, dass im Ernstfall alles getan wird, um die Folgen für Betroffene und Beobachter zu mildern. Das Papier verpflichtet jede Schule dazu, ein internes Krisenteam zu bilden. Beteiligt sind die Schulleitung, ein Ansprechpartner für die Presse, Beratungslehrer, Lehrer mit Erste-Hilfe-Kenntnissen. „Nicht zu vergessen Hausmeister und Sekretariat, die sind oft sehr dicht dran, wenn etwas passiert.“ Wenn etwas passiert ist, baut Irmgard Sinning-Brinkmann auf das FNV-Modell. Das steht für Fürsorge, Nachsorge, Vorsorge.

Die Soforthilfe indes bleibt zumeist Sache von Lehrern oder Ersthelfern. „Die müssen entsprechend geschult sein. Wir Schulpsychologen sind da oft noch nicht vor Ort.“ Für die ersten Gespräche gibt es eine klare Leitlinie: „Nicht auf Gefühle eingehen, sonst können die Emotionen außer Kontrolle geraten.“ Im Laufe der folgenden Wochen schließt sich die Aufarbeitung der Geschehnisse an. Eine Aufgabe nicht nur für die Betroffenen, sondern für die ganze Schule. Gespräche zwischen allen Beteiligten empfiehlt die Psychologin. Helfen kann ein Trauerort, wie er auch am Wagenburg-Gymnasium eingerichtet wurde. Ansonsten aber gelte es, Halt und Struktur zu geben. „Schulen sollten versuchen, bald wieder den Unterricht aufzunehmen.“

Prävention ist nicht messbar

Ganz anders das Arbeitsfeld von Bernhard Assmann. Der Kriminaloberkommissar arbeitet im Haus des Jugendrechts in Bad Cannstatt und hat viel Erfahrung mit jugendlichen Straftätern. Einerseits, so Assmann, sei die Polizei mittlerweile gut auf Ausnahmesituationen an Schulen vorbereitet. „Wir haben Luftbilder und Lagepläne, wissen, wo Fluchtwege, Eingänge und Sammelpunkte sind.“ Andererseits richtet sich sein Augenmerk auf die Präventionsarbeit. An jedem der 14 Reviere der Landeshauptstadt gibt es spezielle Präventionsbeamte und Jugendsachbearbeiter. Schulen melden Bedarf an, die Beamten kommen vorbei. Zwei Doppelstunden übernehmen die Polizisten dann den Unterricht, behandeln Themen wie Gewalt, Mobbing und seit einiger Zeit auch Neue Medien. „Vielen ist überhaupt nicht bewusst, dass es eine Straftat sein kann, Filme mit anderen Personen darauf ins Internet zu stellen.“ So viele Projekte die Stuttgarter Polizei auch macht, muss sie sich im Einzelfall doch immer Vorwürfe gefallen lassen, eine Gefahrenlage nicht erkannt zu haben. „Aber Prävention ist nicht messbar und manches kann man einfach nicht vorhersehen“, sagte der Kommissar. Dennoch: „Ich bin überzeugt, unsere Arbeit bringt was.“ Allein aber sei die Polizei überfordert. Allzu oft laufe die Kommunikation mit der Schule nicht optimal. „Und es gibt immer noch viel zu wenig Schulsozialarbeit.“

Ein Aussage, der Thorsten Scherer sicher nicht widersprechen würde. Der Schulsozialarbeiter und Mediator arbeitet an der Friedensschule im Stuttgarter Westen. 35 Nationen kommen hier zusammen, rund siebzig Prozent der Schüler haben einen Migrations-Hintergrund. Scherer hat feste Sprechzeiten, die Schüler können mit jedem Anliegen kommen. „Von A wie Ausbildung bis Z wie Zwangsheirat“ reiche das Spektrum, berichtete der Sozialpädagoge.

Im T.O.R. entsteht der Rückkehrplan

Ein „pädagogisches Netzwerk“ soll an der Friedensschule dafür sorgen, dass das Haus für Kinder und Jugendliche ein friedlicher Ort des Lernens ist. Regelmäßig schult Scherer Schüler als Streitschlichter. Immer wieder gibt es Projekte und erlebnispädagogische Aktionen. Kooperationen mit dem Literaturhaus und Theatergruppen sollen die Sprachkompetenz fördern. Und dann gibt es noch das T.O.R. – den Time-Out-Room. Schüler, die wiederholt den Unterricht stören, werden in einen beaufsichtigten Raum geschickt, wo sie einen „Rückkehrplan“ aufstellen müssen Darin arbeiten sie ihre Fehler auf und notieren, was sie in Zukunft anders machen wollen. „Das wird natürlich als Strafe verstanden, bietet aber auch die Chance, zur Ruhe zu kommen und eigene Fehler einzusehen“, so der Sozialpädagoge.

Feste Regeln und zusätzliche Angebote

Für feste Regeln plädierte auch Christian Schmidt. Der Sozialpädagoge arbeitet an der Uhlandschule in Stuttgart-Rot. Auch sein Ziel ist es, Aggressionen zu verhindern. „Das muss nicht immer körperliche Gewalt sein. Wir zählen dazu auch sprachliche Gewalt, stumme Bedrohung oder sexuelle Übergriffe.“ Schmidt zeigte sich überzeugt, dass eine Schule viel dafür tun kann, dass das Klima gut ist. Umfragen in Rot haben ergeben, dass viele die Pausen als langweilig empfinden. Seitdem versuchen die Beteiligten, den Schulhof neu zu gestalten, sorgen für Verpflegung und Spielangebote. Zudem wurden feste Regeln etabliert, die in jedem Unterricht und bei jedem Lehrer gelten. Kaugummis etwa sind tabu, genauso wie Handys und MP3-Player. Projekte in jeder Jahrgangsstufe gehören ebenfalls zum Repertoire. Themen sind etwa die Stärkung des Klassenverbandes, Freundschaft oder Aufklärung.

Daran, dass Hauptschüler sich angesichts der lauten öffentlichen Debatte und der Zahlen vom Ausbildungsmarkt oft im Abseits wähnen, können auch Schulsozialarbeiter wie Scherer oder Schmidt kaum etwas ändern. „Heute fürchten sich schon Grundschüler davor, keine Chance zu bekommen. Wenn Kinder schon in dem Alter Existenzangst haben, dann ist das ein großes Problem“, so Christian Schmidt.