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Zweckfreie Orte der Begegnung sind sinnvoll

Der Treff Sozialarbeit hat sich in der letzten Auflage des Jahres 2006 mit Geschichte und Situation der Stuttgarter Mütter- und Familienzentren beschäftigt.

„Eine kurze Zeit hatte ich Zweifel, ob das Thema für die Profis in der Sozialarbeit relevant ist“, räumte Jürgen Armbruster beim Treff Sozialarbeit am Donnerstag, 21. Dezember, zunächst ein. Schließlich ging es um „Mütter- und Familienzentren – Beiträge zur Stadtteilkultur“. Strukturen also, die zunächst nicht von hauptamtlichen Kräften aufgebaut und getragen werden. Dann aber, so der Abteilungsleiter der Dienste für seelische Gesundheit der eva, sei ihm klar geworden, dass eine ganze Reihe von Aspekten berührt würden, die sehr wohl für das Fachpublikum des Treffs interessant sind: Die Frage der Familienfreundlichkeit in der Gesellschaft etwa, die Sorgen jener, die ihren Weg zwischen Beruf und Kinderwunsch suchen oder die Forderungen nach früher Bildung und individueller Förderung. Ein Fehler sei es, so Armbruster, die Selbsthilfe lediglich als „Anhängsel der institutionellen Hilfe“ zu begreifen. Vielmehr habe sie viel Tradition und ihre tiefen Wurzeln in der Bürger- und Frauenbewegung.

Den abschließenden Treff Sozialarbeit des Jahres hatte Sozialarbeiterin Monika Fischer-Koch von der psychologischen und sozialen Beratungsstelle des Caritasverbandes organisiert. Sie stellte in den Raum, ob hinter dem Wort „Stadtteilkultur“ im Veranstaltungstitel ein Frage- oder ein Ausrufezeichen stehen solle. Auf die Suche nach der Antwort begaben sich Andrea Laux vom Eltern-Kind-Zentrum Stuttgart West (EKiZ), Christiane Schomburg, die in den Zentren in Gaisburg und Wangen aktiv ist, sowie Michaela Bolland vom Stuttgarter Jugendamt.

Bescheidene Anfänge vor zwanzig Jahren

Zwanzig Jahre ist es her, dass Andrea Laux das Fundament für das EKiZ legte. Die Anfänge nahmen sich durchaus bescheiden aus, wie die Stuttgarterin berichtete. „Einen kleinen Job bei der Arbeiterwohlfahrt“ habe sie als junge und bisweilen überforderte Mutter ergattert. Zuvor habe sie erstmals von der Idee der Mutter-Kind-Zentren gelesen und dem neuen Arbeitgeber sogleich eigene Pläne präsentiert. „Woher ich die Keckheit genommen habe, weiß ich immer noch nicht so genau“, blickte sie zurück. Die AWO jedenfalls ging auf die Vorschläge ein. „Zum ersten Treffen waren gleich dreißig Leute da“, berichtete die EKiZ-Vertreterin. Bald startete das Zentrum mit einer Gruppe. „Heute haben wir ein Mehrgenerationenhaus und rund 600 Mitglieder“, so Andrea Laux über die Erfolgsgeschichte des Zentrums, das mittlerweile in der Trägerschaft der Rudolf Schmid und Hermann Schmid-Stiftung angekommen ist.

Das „schlichte Konzept“ sei getragen von vier Säulen. So gelte der eherne Grundsatz „Kinder gehören dazu“. Im Haus in der Ludwigstraße gebe es keine unnötigen Barrieren. Wichtig auch die Kinderbetreuung, die für die Mitarbeiterinnen kostenfrei ist. Großen Wert legen die Macherinnen vom EKiZ auf selbstverwaltete Räume, die eine verlässliche Basis, ein echtes Zuhause für die Initiative sind. Das sei in der Geschichte nicht immer so gewesen, oft genug hätten sich die Aktiven als ungeliebte und bevormundete Mieter gefühlt. Im EKiZ herrsche eine „Wertschätzungskultur“, so Andrea Laux. Alle Helferinnen würden – wenn auch nicht fürstlich – entlohnt. Und schließlich glauben die Aktiven an die Kompetenzen der „Alltagsexperten“. „Es gibt alle Talente in der Nachbarschaft“, sagte die Frau der ersten Stunde, ganz gleich, ob es gelte, eine Position in der Kinderbetreuung, in der Küche, der Buchhaltung oder eine Putzstelle zu besetzen.

„Bunte Teams“, gebildet aus ehrenamtlichen Unterstützern und mittlerweile auch angestellten Kräften, gebe es im EKiZ anstelle streng hierarchischer Strukturen. Junge Mütter seien ebenso aktiv wie Frauen der ersten Stunde. Lange Traditionen wie das Kindersingen oder der jährliche Flohmarkt würden sorgsam gepflegt, auf der anderen Seite aber seien alle „unglaublich beweglich“ geblieben.

Die Nachfrage überrascht auch die Macherinnen

Vielleicht kann das EKiZ so als Vorbild für die beiden jüngsten Zentren in Stuttgart dienen. 2002 entstand FiZ, die Familie im Zentrum in Wangen. Im vergangenen September öffnete das Familienzentrum Gaisenhaus in Gaisburg seine Pforten. Bei beiden Neugründungen war Christiane Schomburg dabei, zweite Referentin des Treffs Sozialarbeit. Kinderbetreuung gibt es bereits, auch spezielle Angebote und offene Familientreffs finden statt. Die Resonanz, so Schomburg, sei schlicht überwältigend. „Wir werden förmlich überrannt, das Telefon steht nicht still.“ Beide Zentren seien ob des Andrangs bereits nach kurzer Zeit „an Grenzen angelangt“. Immerhin sei es nun gelungen, an einige städtische Fördermittel zu kommen.

Dass das Verhältnis zwischen Mütterzentren, Verwaltung und Politik nicht unbeschwert ist, wusste Michaela Bolland zu berichten. Sie ist im Jugendamt für die Jugendhilfeplanung verantwortlich. So sei „Mütterzentrum“ in Rathaushallen und Behördenfluren bisweilen  gar ein „Tabuwort“. Der Grund: „Wenn Bürger sich selbst organisieren, ist das nicht planbar. Die halten sich nicht an Regeln.“ Ein Umstand, der so manchem Bürokraten bisweilen sauer aufstoße. Zudem machten die Initiativen mitunter „gehörig Druck“ und akzeptierten kein Nein, das nicht plausibel begründet sei.

Zweckfrei und doch so wichtig

Auch wenn so mancher die Entwicklung der Zentren argwöhnisch verfolge, wertvoll sei ihre Arbeit allemal, so die Expertin. „Wir brauchen zweckfreie Orte der Begegnung“, sagte sie, „Orte, an die man gehen kann, miteinander reden, auch ohne dass man ein Problem hat.“ Das institutionelle System nämlich würde allzu oft erst aktiv, wenn Schwierigkeiten aufgetreten sind. „Wir arbeiten wenig präventiv“, so Michaela Bolland durchaus selbstkritisch. Allein die Möglichkeit der bezahlbaren und flexiblen Kinderbetreuung könne eine Mutter im rechten Moment sehr entlasten. Neue große Mehrgenerationenhäuser wie in Stuttgart-Süd und im Westen werde es nicht geben, so ihre Einschätzung. Die seien nur über eine Stiftung zu tragen. Für die Zukunft setzt sie auf kleine Initiativen und Zentren in den Stadtteilen. Planen indes lasse sich das nicht. „Wir können nur die Rahmenbedingungen verbessern.“ Den generationenübergreifenden Gedanken aber sollten alle Häuser aufgreifen.

Eine Zuhörerin wollte von Michaela Bolland wissen, wie denn die Ausstattung mit Fördermitteln aussehe. Große Steigerungen seien kaum machbar, so die Expertin. Es gelte, den Status Quo in den Haushaltsberatungen zu verteidigen und punktuell Spielräume zu erweitern. Das Interesse der Politik sei bescheiden, sagte Michaela Bolland. „Wenn Bürger sich selbst helfen, können Politiker das hinterher nicht als ihren eigenen Erfolg verkaufen“, so die simple Begründung. 

Der Dezember-Treff beschloss nicht allein das Jahr 2006, er war auch der letzte, den Jürgen Armbruster moderierte. Rund fünf Jahre lang prägte er die traditionsreiche Veranstaltungsreihe, nun gibt Armbruster aus zeitlichen Gründen die Moderation an Michaela Angerer, Referentin beim Vorstand der eva, ab. In der Planung und Organisation will Armbruster dem Treff indes treu bleiben. „Vielleicht“, so der Leiter der Dienste für seelische Gesundheit, „ist ein personeller Wechsel auch mal gut, um aus einer anderen Perspektive andere Fragestellungen zu finden.“ Die kommen im Jahr 2007 bei insgesamt acht Treffs im Haus der Diakonie auf den Tisch.