Veranstaltungen > Berichte und Dokumentationen > Treff Sozialarbeit 2007 > Erlebnispädagogik - TSA 02/07

- v.l.: Dirk Beiser, Andreas Fischer, Jochen Salvasohn, Michaela Angerer
Erlebnispädagogik – Mode oder Methode?
Hochseilklettern, Kanufahrten, Abseilen aus luftiger Höhe oder Höhlentouren: Das spektakuläre Repertoire der Erlebnispädagogik ließe sich noch lange fortsetzen. Sie schafft Grenzerfahrungen, kräftigt das Selbstvertrauen und stärkt die sozialen Kompetenzen. So zumindest die Theorie. Am vergangenen Donnerstag, 15. Februar, ist die Traditionsveranstaltung Treff Sozialarbeit in das Jahr 2007 mit der Frage gestartet, wie die Praxis aussieht. Es war der erste Treff, den Michaela Angerer, Referentin beim Vorstand der eva, moderierte. „Erlebnispädagogik – Mode oder Methode?“ so der Titel des Treffs. Ein Modewort jedenfalls, so Michaela Angerer, sei Erlebnispädagogik allemal, schmücke sich doch derzeit fast jedes fortschrittliche sozialpädagogische Konzept gerne mit dem Attribut „Erlebnis“.
Um herauszufinden, was Erlebnispädagogik genau auszeichnet, wo sie sinnvoll ist und wo Grenzen liegen, hatten die Macher des Treffs drei Experten eingeladen. Zunächst kam Andreas Fischer zu Wort. Der Sozialpädagoge hat sich auf die Erlebnispädagogik spezialisiert und arbeitet für den Stuttgarter Jugendhausverein, der in der Landeshauptstadt rund vierzig Einrichtungen unterhält. Viel Raum also, neue Ansätze umzusetzen. Möglichkeiten, derer sich die Mitarbeitenden mittlerweile vollauf bewusst wären, betonte Fischer. „Das Jugendhaus ist längst nicht mehr nur Ort der Freizeitbetätigung“, so der Pädagoge, „wir arbeiten viel zielgerichteter“.
Erlebnisse im Jugendhaus
Um Erlebnispädagogik möglich zu machen, haben die Stuttgarter Jugendhäuser in Ausrüstung investiert, etwa in Kletterwände oder mobile Geräte. Oft, so Fischer hätten sich die Jugendlichen beim Bau beteiligt. Auch das könne bereits Erlebnischarakter haben. Seine Klientel sei oft durch Beziehungslosigkeit, ein unrealistisches Selbstbild und eine geringe Frustrationstoleranz geprägt. Probleme, bei denen Erlebnispädagogik Lösungsansätze biete. Außerdem sei er in der Lage, „Abenteuer und Action“ zu bieten und so auch jene Jugendliche anzusprechen, die herkömmliche Sozialarbeit sonst klar ablehnten.
Einen besonderen Weg geht der Stuttgarter Caritasverband beim Aktivpark Bergheide. Nur wenige hundert Meter vom Verkehrsknotenpunkt Pragsattel entfernt, findet sich hier eine Oase der Ruhe in der Natur – wie gemacht dafür, mit Kindern und Jugendlichen erlebnispädagogisch zu arbeiten. Für Herausforderungen und Nervenkitzel sorgen hier etwa ein Niedrigseilgarten und für die ganz Wagemutigen auch ein Hochseilgarten. Bisweilen aber bedürfe es gar nicht der extremen Grenzerfahrung, sagte Sozialpädagoge Dirk Beiser. „Für viele ist es schon spannend genug, nur eine Nacht unter freiem Himmel zu verbringen, vielleicht ein Geländespiel zu machen und abends am Lagerfeuer zu sitzen.“
Die Besonderheit der Bergheide ist es, dass der Caritasverband Ausbildungen anbietet, die etwa Lehrer oder Sozialpädagogen durchlaufen. Im Anschluss können sie mit ihren Gruppen den Aktivpark mieten, um in der gewohnten Gruppe oder Klasse aktiv zu werden. Der „mutige Alltagspädagoge“ sei hier gefragt. „Wir stellen Material und Terrain, die kriegen den Schlüssel“, erklärte Beiser das Konzept, das den Vorteil biete, dass der Lerneffekt und der Transfer in den Alltag in der gewohnten Konstellation größer seien. Eine Rechnung, die aufzugehen scheint. So verzeichnete der Caritasverband im vergangenen Jahr 235 Vermietungen, zwischen 4000 und 5000 Kinder und Jugendliche haben dabei ihre Grenzen ausgelotet.
Das eva-Angebot proE setzt auf Erlebnispädagogik
Vor kurzem hat die eva proE vorgestellt. Ein Angebot für Schulen, die hier auf pädagogische Dienstleistungen nach Maß zurückgreifen können. Die Fachleute von der eva haben dabei auch erlebnispädagogische Ansätze im Repertoire, wie Jochen Salvasohn von proE berichtete. Das Konzept sei denkbar einfach: „Wir suchen gemeinsam Herausforderungen, die zunächst mal vielleicht ein wenig zu groß scheinen. Dann finden wir in kleinen Schritten einen Weg zum Ziel“, erklärte der Sozialpädagoge. Das Vorhaben kann eine mehrtägige Wanderung in freier Natur genauso sein wie eine lange Radtour oder eine Fahrt auf einem selbst gebauten Floß. Immer wieder, so Salvasohn, ergäben sich dabei Anknüpfungspunkte für weitere Überlegungen. Diskussionen führten zu Lösungen, Etappenerfolge würden gefeiert, Probleme gelöst. Auch wenn sich ein gestecktes Ziel als zu hoch erweist, habe das seinen Nutzen: „Konflikte sind gut, Scheitern ist gut, daraus lernen wir.“
Erlebnispädagogik könne in der Einzelbetreuung genauso funktionieren wie in der Arbeit mit Familien oder ganzen Schulklassen. Wichtig, so Salvasohn, sei, die Herausforderung nicht zu diktieren, sondern genau auf die Wünsche und Stimmungen der Kinder und Jugendlichen zu hören. Nur dann seien die Teilnehmer mit vollem Engagement dabei, nur dann führten die Erfolge auch zum eigentlichen Ziel. Dass Erlebnispädagogik funktioniert, davon ist Salvasohn überzeugt.
Eine Abgrenzung fällt schwer
„Wenn die Teilnehmer merken, dass sie in einem Bereich Erfolg haben, schöpfen sie auch Mut für andere Bereiche.“ Mühsam sei der Weg oft dennoch. Das aber unterscheide die Erlebnispädagogik nicht von anderen Ansätzen.
Die im Übrigen so verschieden nicht immer sind. So interessierten sich viele der Besucher des Treffs dafür, wo denn Erlebnispädagogik anfange und die übliche soziale Arbeit aufhöre. Schwer zu sagen, so Jochen Salvasohn. Brauchten manche Jugendliche wirklich den Kick in schwindelnder Höhe, so könnte es für andere eine spannende Herausforderung sein, eine gemeinsame Tour zu organisieren, sich in die ungewohnte Atmosphäre eines schicken Restaurants zu begeben oder erstmals selbst am Herd zu stehen. Eine exakte Grenze könne derzeit niemand ziehen, „vage und schwammig“ seien die Definitionen. Oft genug ginge es nur darum, „etwas Spektakuläres zu machen und das ganze mit dem Stempel Erlebnispädagogik zu versehen“. Die, so jedenfalls die Überzeugung von Jochen Salvasohn, „ist keine Frage von Methoden, sondern von Haltungen“.




