Veranstaltungen > Berichte und Dokumentationen > Treff Sozialarbeit 2006 > Stationäre Dienste - TSA 09/06
Eindrückliches Plädoyer für stationäre Hilfen
Stuttgart. Weiterentwicklung, Ausdifferenzierung, Regionalisierung – im sozialen Bereich hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Der Fokus, so Jürgen Armbruster, Leiter der Dienste für seelische Gesundheit bei der eva, habe dabei bei den ambulanten Angeboten gelegen. Stationäre Dienste hätten sich zwar gleichfalls entwickelt, oft allerdings, ohne viel Beachtung zu finden. Besonders in der Wohnungsnotfallhilfe aber spielen solche Einrichtungen nach wie vor eine große Rolle, darin waren sich alle Teilnehmer des Podiums beim Treff Sozialarbeit am Donnerstag, 21. September, einig. Daher beschäftigte sich der Treff im Haus der Diakonie mit „Stationären Hilfen für Menschen in besonderen sozialen Schwierigkeiten“.
Mit dem Sozialgesetzbuch II, im Jahr 2005 in Kraft getreten, seien ambulante Lösungen weiter erstarkt, erläuterte Thomas Winter von den Diensten für Menschen in Wohnungsnot der eva. Stationäre Einrichtungen seien dagegen „etwas in die Defensive geraten“. Oft genug würden Stimmen laut, die forderten, die Erfahrungen anderer Bereiche auch auf die Wohnungsnotfallhilfe zu übertragen. In der Sozialpsychiatrie, in der Altenpflege oder der Drogenhilfe etwa könnten die ambulanten Dienste große Erfolge verbuchen, hätten sich als effizienter und flexibler erwiesen.
Umbau der Sozialsysteme stärkt ambulante Dienste
Was in manchen Bereichen funktioniere, könne bei einer bestimmten Klientel aber dennoch scheitern, warnte Winter. So seien die Menschen, die in stationären Einrichtungen wohnten, nicht allein durch ein bestimmtes Problem in ihre Notlage geraten. Armut, Missbrauch, Verschuldung, Krankheit, Verwahrlosung, Obdachlosigkeit und Sucht prägen viele Schicksale. Ein Problem bedingt und verstärkt das andere, Lösungen lassen sich hier nicht durch eine spezielle Beratung finden. „Die Lebenslagen sind so komplex“, sagte Thomas Winter, „damit kann keine ambulante Einrichtung umgehen.“
Aus der täglichen Arbeit berichtete Stefan Rücker vom Immanuel-Grözinger-Haus der eva. Die „Bündelung der Problemlagen“ sei es, die es den Betroffenen so schwierig mache, einen Weg zu finden, ein geregeltes Leben zu führen. Eine Schwierigkeit: Der Umgang mit Geld. Psychisch labile und suchtkranke Menschen, so Rücker, hätten große Probleme, sich ihre Mittel einzuteilen. Nicht umsonst seien viele fast hoffnungslos verschuldet. Bei einer Unterbringung in einer vollstationären Einrichtung tritt der Klient alles ab, behält lediglich ein Taschengeld. Schriftliche Vereinbarungen fixieren, wie und wann das Geld ausgezahlt wird. Nur so, sagte Rücker, bestehe die Chance, ein Mindestmaß an Kontrolle zu behalten. „Die Wege sind kurz, wir können jederzeit nachhaken und den Leuten gegebenenfalls auf die Füße treten.“
Das Aushalten ist Teil der täglichen Arbeit
Das sei auch im Bereich der Haushaltsführung nicht selten notwendig, wie Gerhard Gogel vom Johannes-Falk-Haus berichtete. „Viele haben das ganze System durchlaufen und schon überall sonst Hausverbot“, so Gogel über das Klientel, das ohne die Aufnahme im Falk-Haus wohl keine Anlaufstelle mehr finden würde. Gewalt, Sucht und Verwahrlosung seien an der Tagesordnung. „Es ist unser Beitrag zur Menschenwürde, dass wir mehr aushalten als in jedem anderen Umfeld“, sagte Gogel.
Denkbar schwierig ist es, die Klienten an den Arbeitsmarkt heranzuführen. Oft ohne Ausbildung oder Schulabschluss gibt es für sie kaum passende Stellen. Hinzu kommen mangelnde Zuverlässigkeit und Disziplin, die ständig nagende Suchtkrankheit und fehlende körperliche Hygiene. Die „bürgerlichen Werte“, so Gogel, seien dabei durchaus präsent. „Wohnung und Arbeit“ gäben viele als ihr Ziel an. Allein – die meisten der Bewohner litten unter „Selbstüberschätzung“, fühlten sich gar für den regulären Arbeitsmarkt gerüstet. Einen Einstieg können 1,50-Euro-Jobs bieten. Die, so Hartmut Klemm vom Christoph-Ulrich-Hahn-Haus, zeigten durchaus positive Wirkung. Etwa, wenn ein Jobber es schafft, regelmäßig die geforderte Alkoholkontrolle zu Arbeitsbeginn zu bestehen. Ein Erfolg auf dem regulären Arbeitsmarkt indes bleibt dennoch auch langfristig die Ausnahme.
In seltenen Fällen gelingt es, den Kontakt zur Familie zu beleben. Oft aber haben die Angehörigen längst alle Brücken abgebrochen. Auch versuchen die Mitarbeitenden dabei zu helfen, den Weg in das gesellschaftliche Leben zu finden. Besuche kostenloser Veranstaltungen etwa seien ein Ansatzpunkt oder Schulprojekte im jeweiligen Stadtteil. Gesundheitliche Probleme sind ein weiterer Aspekt der täglichen Arbeit in einer vollstationären Einrichtung. Manch lange Vorgeschichte hat die Menschen ausgezehrt. „Die Lebenserwartung ist deutlich niedriger als der Schnitt“, sagte Hartmut Klemm. Fatal etwa die „Doppeldiagnose“, der sich Gerhard Gogel allzu oft gegenüber sieht: Sucht und psychische Erkrankung gehen Hand in Hand.
„Massive Bedrohung“ der stationären Angebote
Nach den eindrücklichen Schilderungen aus der Praxis plädierten die Fachleute auf dem Podium dafür, die stationären Einrichtungen zu erhalten und zu stärken. Kein anderes Hilfsangebot könne den hohen Anforderungen gerecht werden. Grund zur Sorge gebe es durchaus. Zwar habe die Reform des Sozialgesetzbuchs die Mobilität eingeschränkt, so dass weniger arme Menschen aus anderen Gegenden der Republik nach Stuttgart strömten. „Gleichzeitig hat Hartz IV vor Ort neue Klienten produziert, das gleicht sich etwa aus“, sagte Thomas Winter. Dennoch gäbe es derzeit Probleme, die vorhandenen Plätze zu belegen. Das aber läge sicher nicht am „gesunkenen Hilfebedarf“, so Winter. Vielmehr seien in den Landkreisen Beratungsstellen abgebaut werden, die Menschen in sozialen Schwierigkeiten erst auf ihre Ansprüche und die Stuttgarter Einrichtungen verweisen könnten. Eine „massive Bedrohung“ der Angebote hat Winter ausgemacht, sollte sich die Tendenz fortsetzen.
Es war an Jürgen Armbruster, die Frage zu stellen, ob sich die Häuser nicht auf einen Ressourcenabbau einstellen sollten, um nötige Umbauprozesse nicht unnötig zu verzögern. Ganz wollte den Gedanken auch Thomas Winter nicht von der Hand weisen, die Dienste trügen dem bereits Rechnung. Insgesamt jedoch sehe er keine Alternative zu den vollstationären Einrichtungen. „Wir müssen Räume schaffen mit Mitarbeitern, die das aushalten“, so Winter, „sonst fliegen viele einfach raus“.




