Veranstaltungen > Berichte und Dokumentationen > Treff Sozialarbeit 2006 > Soziale Arbeit in Betrieben - TSA 03/06
Zwischen Unternehmensinteresse und sozialer Verantwortung
Der Treff Sozialarbeit diskutiert über soziale Arbeit in Betrieben
Es war ein Treffen zweier Kulturen in der Begegnungsstätte im Bohnenviertel: „Hier begegnen sich Wirtschaft und Soziales, Dienstleistung und Produktion im Spannungsbogen zwischen Gewinnmaximierung des Unternehmens und Menschsein“, begrüßte Beate Klink von den Diensten für Prävention, Beratung und Behandlung der eva die Gäste beim Treff Sozialarbeit am 16. März. Die monatliche Veranstaltung widmete sich dem Thema „Soziale Arbeit in Betrieben – Aufgabenstellungen, Konzepte, Perspektiven“.
Dieses Spannungsfeld, von vielen gar als Widerspruch empfunden, ist für die Referentinnen des Vormittags beruflicher Alltag, zeichnen sie doch in großen Betrieben für die soziale Arbeit verantwortlich. So etwa Heidi Schanbacher, Sozialreferentin bei der Landesbank Baden-Württemberg. „Das Hauptziel“, sagte die Expertin, „ist, Probleme zu erkennen und ihnen entgegen zu wirken.“ Und das läge im Interesse des Unternehmens, dessen Erfolg sich auf leistungsfähige Angestellte gründe, ebenso wie in dem des Mitarbeiters. „Letztlich kann es sein, dass es seine Existenz sichert, wenn wir Probleme angehen.“

- v.l.: Beate Klink, Stephanie Rometsch, Heidi Schanbacher, Michaela Noé-Bertram
Diese Probleme können ganz unterschiedlicher Natur sein. Ein „Hauptthema“ aber seien die Schwierigkeiten am Arbeitsplatz. „Da ist Überforderung ein großes Problem, genauso aber auch die Unterforderung“, erklärte Heidi Schanbacher. Oft würden Mitarbeiter die Probleme am Verhalten des Vorgesetzten festmachen. „Wenn man tiefer einsteigt, zeigt sich aber oft die eigene Unsicherheit als wahre Ursache“, so die Erfahrung der Sozialreferentin. Auch die Krankheitsgeschichten der Mitarbeitenden seien Thema der Beratungsgespräche. So betreut Heidi Schanbacher psychisch kranke Menschen, vermittelt Therapieangebote und kümmert sich um die Nachsorge. „Das Wiedereingliederungsmanagement ist vom Gesetz gefordert und somit eine wichtige Aufgabe für uns“, sagte sie. Ebenso kämen Menschen, die unter persönlichen Problemen litten, zur Beratung. Egal, ob es sich um die Trennung vom Partner, familiäre Schwierigkeiten, Einsamkeit, Suchterkrankungen oder einen Trauerfall handle. Auch der Personalbabbau und die verbreiteten Vorruhestandsregelungen fordern ihren Tribut. „Da kommen viele Fragen auf. Die Leute fühlen sich unsolidarisch, wenn sie nicht freiwillig gehen, fragen sich, was sie mit der Zeit anfangen sollen oder haben Angst vor Altersarmut“, so die Beraterin über die Sorgen ihrer Besucher.
Betreuung nach Banküberfällen
Ein Spezialfall im Bankbereich: Die Betreuung nach Überfällen. Ein eigenes Konzept regelt dann, was zu tun ist. „Wir sind sofort vor Ort und tun alles, um posttraumatische Störungen zu vermeiden.“ So kümmern sich die Beraterinnen um die Heimfahrt, darum, dass das Opfer in der ersten Nacht nicht alleine ist und um therapeutische Gespräche. Bei der Vorbereitung einer Gerichtsverhandlung stehen sie ebenso zur Seite wie beim eigentlichen Gerichtstermin, wenn sich Opfer und Täter eventuell ein zweites Mal gegenüber stehen.
Sind Heidi Schanbacher und ihre Kollegin mit einem Beschäftigungsumfang von zusammen 130 Prozent oft auf sich allein gestellt, so hat die betriebliche Sozialarbeit bei der Robert Bosch GmbH eine lange Tradition und größere Ressourcen. Michaela Noé-Bertram, zweite Referentin beim Treff, koordiniert die Arbeit von 20 Sozialberatern, die an 25 Inlands-Standorten des Unternehmens tätig sind. Die Herausforderungen würden nicht kleiner, so die Sozialpädagogin und Betriebswirtin. Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden sich daher laufend weiterbilden, etwa in systemischer Beratung, in der Team- oder Prozessbegleitung oder in Mediation. „Das ist notwendig, weil sich immer mehr Konflikte zwischen Mitarbeitenden und Vorgesetztem ergeben.“
Die Arbeit im Unternehmen fordert viel Einsatz
Das Aufgabenfeld sei vielfältig, wenn auch nicht leicht. Die betriebliche Sozialarbeit erfordere klare Prioritäten und unternehmerisches Denken. Das Umfeld fordere ein hohes Tempo. Auch sei es nicht möglich, sich von der technischen Entwicklung abzukoppeln. „Mit dem Fortschritt in der EDV müssen auch wir mithalten. Wir dürfen uns nicht in die pädagogische Nische zurückziehen“, warnte Michaela Noé-Bertram. Freiwillig hätte sich ihre Abteilung einem klaren Qualitätsmanagement unterworfen, das Auskunft über den Erfolg der Beratung gebe. Über eines aber ist sich die Sozialpädagogin im Klaren: Beraterinnen und Berater im Betrieb haben noch immer Imageprobleme. „Früher war der Dienst sehr an die Sucht gekoppelt. Wer hingeht, gilt unter den Kollegen schnell als Säufer.“
Wie in anderen Unternehmen sind die Beraterinnen und Berater an die Schweigepflicht gebunden. Was sie erfahren, bleibt auch der Führungsebene verborgen. Das Problem, die eigene Rolle zwischen Unternehmensinteressen und sozialer Verantwortung zu finden, kennt auch Michaela Noé-Bertram. „Da müssen wir oft unsere Kompetenzen klar abstecken und sagen, was wir können und was nicht. Wir sind nicht die Polizei der Firma, die Mitarbeitende so schnell wie möglich wieder in die Spur zu setzen hat.“
Ein langfristiges Fitnessprogramm
In der Spur sind dagegen buchstäblich viele der rund 2700 Mitarbeiter der Stuttgarter Straßenbahnen AG, lenken doch rund 1300 von ihnen Busse und Bahnen. Die Fehlzeiten sind hoch, wie die dritte Referentin, Stephanie Rometsch, erläuterte. Im Fahrdienst liege sie bei zehn Prozent. Ein im Vergleich mit anderen Verkehrsbetrieben normaler Wert, immerhin gehe es um die Sicherheit der Fahrgäste. Derzeit ist der Großteil der Fahrer zwischen 30 und 45 Jahre alt, das Durchschnittsalter werde in den kommenden Jahren drastisch steigen, da Vorruhestands- und Altersteilzeitlösungen ausliefen. „Wir müssen also jetzt alle daran denken, fit zu bleiben“, so die Bildungsreferentin bei der SSB. Ansonsten würden die Fehlzeiten ein Maß erreichen, das das Unternehmen zu viel Geld kosten würde.
Zu diesem Zweck hat die SSB das Programm „ProFit“ aufgelegt. Bei der Bestandsaufnahme haben die Verkehrsbetriebe den Schwerpunkt nicht auf de Ursachen für die Fehlzeiten gelegt, sondern sich an jene Mitarbeiter gewandt, die wenig oder gar nicht krank waren. Sie waren es, mit denen die Vorgesetzten einen „Anerkennenden Erfahrungsaustausch“ führten, um so Stärken und Schwächen der Abläufe zu ergründen. So hoffen die Verantwortlichen bald ein maßgeschneidertes Programm zu erstellen. Es soll gezielt Stressfaktoren beseitigen, die Arbeitszufriedenheit stärken und so letztlich dazu führen, dass Mitarbeitende weniger krank sind.
Sozialarbeit wird überprüfbar
Die Zuhörerinnen und Zuhörer interessierten sich in der abschließenden Diskussion sehr dafür, welche Instrumente bereit stünden, um den Erfolg der sozialen Arbeit zu messen. Sowohl bei Bosch als auch bei der Landesbank liefern die Referentinnen jährliche Berichte an die Unternehmensleitung. Sie geben statistisch genau Auskunft über jeden Kontakt, jedes Gespräch und jede E-Mail. So entsteht ein Katalog von Themen, die derzeit besonders von Bedeutung sind. „So wie heute die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein Thema ist wird schon bald Pflege und Beruf wichtig werden“, warf Michaela Noé-Bertram einen Blick in die Zukunft. Anhand der Zahlen würde Sozialarbeit überprüfbar. „Und das ist natürlich Zündstoff“, so die Referentin. Auf der anderen Seite aber könne man auf diese Weise Erfolge nachweisen und kritische Stimmen widerlegen. Michaela Noé-Bertram: „Die Einstellung, dass etwa Menschen mit psychischen Problemen in Zeiten des Personalabbaus dem Unternehmenserfolg ohnehin nur im Wege stehen, ist noch weit verbreitet.“ Deshalb arbeiten sie sowie ihre Kolleginnen und Kollegen hart daran, den Wert ihrer Arbeit auch in nüchterne Zahlen zu fassen.




