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Was die Sozialarbeit vom Fußball lernen kann


Nicht einmal zwei Wochen war es her, dass Italien das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft in Berlin für sich entschied, da näherte sich der monatliche Treff Sozialarbeit der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (eva) dem Thema aus der Perspektive der sozialen Arbeit. „Fußball als Ersatzreligion – Rituale von Jugendlichen und ihre Bedeutung für die soziale Arbeit“ lautete der Titel des Treffs am vergangenen Donnerstag. Die Veranstaltungsreihe hat sich über drei Jahrzehnte als Forum für Mitarbeiter im sozialen Bereich, für Studenten, Betroffene sowie interessierte Bürger etabliert.

Wer nun erwartete, dass die Experten auf dem Podium im Stuttgarter Bischof-Moser-Haus dem allgegenwärtigen und allzu profanen Trubel um das runde Leder skeptisch gegenüber stünden, sah sich getäuscht. So lobte Jürgen Armbruster, Leiter der Dienste für seelische Gesundheit bei der eva, das große Turnier als „Fest der Freude“, als „Geste an die Völker der Welt“. Gleichzeitig aber sei ein Fußballspiel mittlerweile „zu einer Inszenierung hochstilisiert“, in der Rituale besondere Bedeutung hätten. Um eben diese Rituale sollte sich beim Treff Sozialarbeit vieles drehen. „Wir alle brauchen Rituale, Individuen genauso wie Familien, Firmen, Organisationen und die Gesellschaft“, so Armbruster. Diesem Phänomen nachzuspüren, das sei das Ziel des Podiums. Die soziale Arbeit jedenfalls solle versuchen, die „Magie des Spiels“ und die Kraft seiner Rituale für sich nutzen.

v.l.: Thilo Dömland, Christian Schmidt, Volker Häberlein, Sonja Hauser, Gerald Bosch

Dass ein Spieltag für einen wahren Fan nicht nur aus neunzig Minuten Fußball besteht, erzählte Volker Häberlein. Der Abteilungsleiter der Dienste für junge Menschen ist bekennender Stadiongänger, sprach also aus eigener Erfahrung. Der VfB-Fan berichtete von der Bedeutung der Rituale, die für Fußballfans vor, während und nach dem Spiel unverzichtbar sind. Gerald Bosch von der Mobilen Jugendarbeit West und Christian Schmidt von der Mobilen Jugendarbeit Stuttgart-Rot inszenierten den Tagesablauf vom Anziehen der Fankluft über den immer gleichen Weg zur Arena bis zu den angestammten Plätzen und den gemeinsamen Gesängen.


Der schwierige Schwenk zurück zur Theorie blieb die Aufgabe von Pfarrer Thilo Dömland, der die Hintergründe von Ritualen ausleuchtete. Ein Ritual sei eine stereotype Handlung, die festgelegt worden sei oder sich eingespielt habe. Der Ursprung sei ohne Zweifel religiös, so Dömland, keine Glaubensrichtung käme ohne Rituale aus. Mittlerweile aber habe sich der Begriff verweltlicht. Ein Ritual könne nun auch eine Kaffeepause nach festem Muster sein, der sonntägliche Gang zum Bäcker oder eine gemeinsame Mahlzeit im Kreis der Familie. Rituale, so der Pfarrer, schafften Heimat und Ruhe in hektischen Zeiten und entlasteten den Einzelnen. Nicht die Handlung selbst mache ein Ritual aus, sondern die Art, wie sie geschehe. Immer sei sie mit hoher Aufmerksamkeit verbunden. Auch die Symbolisierung sei ein Kriterium, etwa wenn ein Mensch eine Kerze für einen Verstorbenen anzündet. Rituale lösten Emotionen aus, gäben ihnen aber auch Form und Halt. All das unterscheide ein Ritual von einer bloßen Gewohnheit.

Rituale entlasten den Einzelnen

„Die 68er haben Rituale abgelehnt, sahen sie als Entmündigung, Vermassung und Mittel der Manipulation“, so Dömland. Heute aber gelte, dass sie das Individuum entlasteten. Ganz besonders gelte das für Jugendliche. Dennoch – gewisse Gefahren bergen Rituale noch immer. Schließlich stehe bei Ritualen, an denen viele Menschen teilnähmen, immer auch ein Stück der individuellen Freiheit auf dem Spiel. Zudem würden sie von totalitären Regierungen gerne genutzt, die Herrschaft zu zementieren, seien gleichfalls ein Mittel der Unterdrückung.

Auf vier aufregende Wochen blickte Gerald Bosch zurück. Er war während des großen Turniers als Fanbotschafter am Stuttgarter Schlossplatz aktiv. Noch immer tief beeindruckt zeigte er sich vom friedlichen und kraftvollen „Meer von Orange“, von jenen tausenden Fans, die vor dem Gastspiel der Elf der Niederlande zum Stadion zogen. Der gemeinsame Marsch ist ein festes Ritual in der Fankultur des Nachbarlandes.

Fußball und Religion: es gibt viele Parallelen

Boschs Kollege Christian Schmidt betonte die vielen Parallelen, die es zwischen Sport und Religion gebe. Fangesänge ähnelten bisweilen Chorälen, Stadien würden zu „Fußballtempeln“, in denen bisweilen auch Trauungen und Taufen stattfänden. Schnell würden Hoffnungsträger zu „Rettern“ einer Mannschaft oder Stadt, die sich aber stets vor der „Löwengrube“ hüten sollten. Eher unrühmlich das Beispiel Diego Maradona, der gar die „Hand Gottes“ bemühte. Oft seien im Stadion wie zum Gebet gefaltete Hände zu sehen, etwa wenn die eigene Mannschaft dringend ein Tor braucht oder mit Müh und Not einen knappen Vorsprung über die Zeit rettet. Die Begeisterung und die vielen Emotionen, die der Fußball entfache, würde Schmidt sich mitunter auch für die Kirche erhoffen. „Aber das ist natürlich nicht immer so möglich“, so die realistische Einschätzung. Für viele Anknüpfungspunkte sorge immerhin, dass es mittlerweile viele Profis gibt, die sich zum christlichen Glauben bekennen.

Dass die Kraft von Ritualen in der Jugendarbeit sehr sinnvoll genutzt werden kann, davon zeigte sich Sonja Hauser von der Mobilen Jugendarbeit Ost überzeugt. Ein sichtbarer Erfolg sei es etwa, wenn die Sozialpädagogen auf die gleiche Art begrüßt würden wie die Freunde aus der Gruppe. Oft sei es schwierig, die Jugendlichen für ein festes Treffen zu begeistern. Entscheidungen fielen oft im Minutentakt und würden sofort nach dem nächsten Handytelefonat wieder geändert. Wenn sich aber die Jugendlichen an den festen Termin, das Ritual also, gewöhnt hätten, lernten es viele als ein Stück Heimat in hektischen Zeiten schätzen und wollten es bald nicht mehr missen.

Problemfeld Alkohol

Wie stark die Weltmeisterschaft noch nachwirkt, das wurde in der abschließenden Diskussion deutlich. Die Fragen und Anmerkungen konzentrierten sich auf das Geschehen um das runde Leder. Dass das Turnier viel dazu beigetragen habe, einen natürlichen Umgang mit Fahne, Hymne und der eigenen Nation zu ermöglichen, da waren sich alle einig. Kritischer schätzten einige der rund dreißig Besucher den Zusammenhang zwischen Alkohol und Fußball ein. Schließlich sei übermäßiges Trinken oft genug ein fester Teil eben jener Fußballrituale. Auch bei der viel gepriesenen Hochstimmung auf den Public-Viewing-Plätzen und Fanmeilen sei viel Alkohol im Spiel gewesen, gab eine Zuhörerin zu bedenken. Das bestritt auch Gerald Bosch nicht. Er selbst sei als Fanbotschafter bisweilen „entsetzt“ gewesen, wie viele Jugendliche mit „glasigem Blick am Schlossplatz unterwegs waren“. Ein Patentrezept gebe es nicht, wie auch Volker Häberlein sagte, einzig ließe sich nicht der Fußball verantwortlich machen. Häberlein verwies auf das Phänomen des „Komasaufens“, jene kollektiven Trinkexzesse also, die mittlerweile auch Stuttgart erreicht haben und die keinerlei Anlass brauchen. So stand am Ende des Treffs – vielleicht ungewollt – ein Blick auf ein unschönes Beispiel eines Rituals und seine zerstörerische Kraft.