Veranstaltungen > Berichte und Dokumentationen > Treff Sozialarbeit 2006 > Therapeutische Hilfen im Alter - TSA 01/06
Therapeutische Hilfen im Alter: Konzepte für wachsende Herausforderungen
Beim Treff Sozialarbeit diskutieren Experten über gerontopsychiatrische Erkrankungen
Die Stadt Stuttgart hat sich auf den demografischen Wandel eingestellt. Davon ist Jürgen Armbruster, Abteilungsleiter der Dienste für seelische Gesundheit der eva, überzeugt. Nicht zuletzt durch die acht neuen gerontopsychiatrischen Beratungsstellen – drei davon unter der Trägerschaft der eva – hätten die Verantwortlichen auf die Herausforderungen einer älter werdenden Gesellschaft reagiert, sagte Armbruster „befriedigt und mit Genugtuung“ beim Treff Sozialarbeit am Donnerstag, den 12 Januar. Auf der anderen Seite könnten bloße Strukturen allein die Probleme nicht lösen. „Wir müssen weiter an Kompetenzen, Haltungen und Methoden arbeiten“, so Armbruster. Das Thema des ersten Treffs Sozialarbeit im neuen Jahr lautete daher: „(Psycho)-therapeutische Hilfen im Alter. Wege zum Verständnis und Hilfestellung für Menschen mit gerontopsychiatrischen Erkrankungen“. Wie sehr diese Aufgaben Fachleute und Mitarbeiter in sozialen Einrichtungen interessieren, bewies ein Blick auf die gut gefüllten Stuhlreihen in der Begegnungsstätte im Bohnenviertel. Knapp 100 Gäste zählten die Organisatoren.
Kognitive Verhaltenstherapie
Die Besucher sahen sich kompetenten Experten gegenüber, die über aktuelle Konzepte, deren Stärken sowie Grenzen berichteten. So etwa die Psychologin Sabine Welz, die die kognitive Verhaltenstherapie vorstellte und über die Erfahrungen, die sie an der Universitätsklinik Tübingen damit macht, sprach. Eine Einschränkung schickte sie vorweg: „Unser Konzept richtet sich an ältere Menschen, die depressiv sind, nicht aber an demenzkranke Patienten.“ Mit Zahlen untermauerte die Psychologin, wie gravierend das Problem ist. Bis zu 27 Prozent aller älteren Personen litten mehr oder weniger stark unter Depressionen.
Viele Menschen reagieren depressiv auf Veränderungen im Alter Die Liste der Ursachen sei lang. So müssten sich ältere Menschen an den Ruhestand gewöhnen, daran, dass das Einkommen zurückgeht und die Leistungsfähigkeit nachlässt. Auch die Veränderungen im Sexualleben oder der Umstand, auf Hilfe angewiesen zu sein, bedrückt viele. Aus Geben wird Nehmen, aus Selbständigkeit Abhängigkeit. „Und natürlich wird den Leuten spätestens jetzt die Endlichkeit des eigenen Lebens bewusst“, sagte Sabine Welz.

Um Menschen, die auf die Veränderungen depressiv reagieren, zu helfen, baut die Psychologin auf ein Therapieprogramm, das aus 15 Sitzungen besteht und in mehrere Blöcke unterteilt ist. Auf eine erste Gruppensitzung, die der Begrüßung und dem Kennen lernen dient, folgen vier Termine, die unter dem Motto „Aktivität und Handeln“ stehen. Die Patienten heben ihr Aktivitätsniveau, lernen ihre Zeit zu strukturieren. Sie versuchen, einem Wochenplan zu folgen, der lästige Termine und Arbeiten ebenso enthält wie die angenehmen Tätigkeiten. Wenn möglich wechseln Pflichten und die kleinen Belohnungen einander ab. „Auf den Zahnarztbesuch sollte nicht die Hausarbeit folgen“, so Sabine Welz. Vielmehr sollte der Patient dann Zeit einplanen für einen schönen Spaziergang, für Musik oder einen Besuch im Thermalbad. Oft hätten die Teilnehmer Schwierigkeiten, die Tätigkeiten zu finden, die sie selbst als angenehm empfinden. Zu diesem Zweck haben die Tübinger eine Liste parat, die ganze 236 Beschäftigungen anführt. Sie soll es ermöglichen, die eigenen Vorlieben zu entdecken.
In weiteren Schritten steht dann die Beschäftigung mit den eigenen Denkweisen auf dem Programm. Schließlich trainieren die Teilnehmer ihre sozialen Fertigkeiten und Verhaltensweisen. Die Gruppensituation erlaubt Rollenspiele. So lernen die Teilnehmer konkret, „Nein“ zu sagen, Blickkontakt mit dem Gesprächspartner zu halten oder die eigenen Gefühle zu zeigen. Auf eine kritische Nachfrage räumte die Expertin ein, dass die Evaluation der Ergebnisse noch auf wackligen Beinen stehe. Aber man könne sagen, dass der Anteil derer, auf die die kognitive Verhaltenstherapie wirkungslos bleibe, gering sei. Ein Teil der Betroffenen könne ganz geheilt werden, andere nähmen zumindest eine positive Entwicklung. „Und auch eine graduelle Verbesserung bedeutet bei Depressionen einen großen Fortschritt“, sagte Sabine Welz.
Demenz: Die Medizin kann helfen, nicht aber heilen

Hatte die erste Referentin die Menschen ausgeschlossen, die an Demenz leiden, so beschäftigte sich ausschließlich mit dieser Zielgruppe. Oft präge Unsicherheit den Beginn der Krankheit. Viele Menschen befürchteten ohne Grund, ihr Gedächtnis zu verlieren, andere verschlössen die Augen vor den Symptomen. Als Anlaufstelle stehe nun die Memory Ambulanz am Robert Bosch Krankenhaus zur Verfügung. „Unsere Aufgabe ist, die Krankheit zu verifizieren oder auszuschließen“, so die Ärztin. Sei die Person erkrankt, könnten die Experten der Ambulanz herausfinden, ob es sich um die Folgeerscheinungen anderer Krankheiten handele oder ob eine primäre Demenz vorliegt. Deren häufigste Form ist die Alzheimer-Krankheit.
Nach wie vor sind die meisten Demenzerkrankungen nicht heilbar. „Aber wir können den Verlauf verlangsamen und die Lebensqualität verbessern“, sagte Petra Koczy. Dazu trügen moderne Medikamente bei, aber auch sozio- und psychotherapeutische Maßnahmen. „Wir brauchen immer ein multimodales Modell, müssen Patienten, Ärzte und Angehörige einbinden“, so die Expertin.
Ein besonderes Augenmerk gelte den pflegenden Familienmitgliedern, die in aller Regel stark litten, wenn die erkrankte Person nach und nach Erinnerung, Sprache, Orientierung und Denkvermögen verliert. Viele Angehörige verhielten sich falsch, versuchten die Patienten zu korrigieren und gegen sie zu argumentieren. Das aber führe den Betroffenen nur ihr eigenes Versagen vor Augen, bereite Frustration und Aggression den Weg. „Wir müssen ein Stück weit in die Welt der Patienten hinein gehen“, so Petra Koczy.
Selbsterhaltungstherapie
Darum bemüht sich auch die Selbsterhaltungstherapie (SET), die es seit dem vergangenen Jahr auch am Robert-Bosch-Krankenhaus als ambulantes Angebot gibt. An den wöchentlichen Treffen nehmen Patienten und ein Familienmitglied in getrennten Gruppen teil. Während sich Ärzte, Sozialpädagogen und ehrenamtliche Helfer der Biografiearbeit und der Therapie widmen, werden die Angehörigen auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet. Sie lernen den Umgang mit erkrankten Menschen und erhalten einen Überblick über die Hilfsangebote. Die Erfahrungen an anderen Krankenhäusern seien gut, berichtete die Ärztin. Sowohl bei Patienten als auch bei Familienmitgliedern hätten Depressionen, Aggressivität oder Unruhe nach der SET abgenommen. „Im besten Fall können wir nach einer frühen Diagnose die Familien so gut vorbereiten, wie es eben möglich ist.“
Erinnerungspflege: Trigger sind wie Fenster in die Vergangenheit

Auch die Gerontologin Heike Schesny-Hartkorn widmete sich den Patienten, die an einer Demenzerkrankung leiden. Sie berichtete von den Möglichkeiten, die die Erinnerungspflege bietet. Dazu schickte sie ein Experiment vorweg: Jeder im Publikum wählte im Geist einen Gegenstand aus, mit dem er eine Geschichte verbindet. Die erzählte dann jeder Besucher seinem Sitznachbarn. Nach wenigen Minuten hatte die Expertin sichtlich Mühe, dem lauten Stimmengewirr Herr zu werden. „Alltägliche Dinge erzählen Geschichten und in der Regel macht das Erzählen Spaß“, so Heike Schesny-Hartkorn. Wie „Fenster in die Welt der Lebensgeschichte“ seien viele Gegenstände.
Gemeinsames Erinnern könne Demenzkranken helfen, ein Stück Identität und Lebensfreude neu zu entdecken. Aber die Gerontologin ließ auch keinen Zweifel daran, dass die Erinnerungspflege Handwerkszeug braucht. Man müsse aktiv zuhören können und die Reaktionen des Gegenübers akzeptieren, auch wenn diese unerwartet ausfallen. Zudem sei Wissen über die Lebensumstände in früheren Zeiten wichtig. Dann aber biete die Erinnerungspflege große Chancen. „Wenn ein Mensch stirbt, stirbt auch eine Bibliothek. Wenn wir wollen, dass die Bibliothek nicht schon vor dem Menschen stirbt, müssen wir uns mit ihm erinnern.“ Zufrieden stellte Heike Schesny-Hartkorn fest, dass sich die Erinnerungspflege etabliere. Viele Heime hätten Erinnerungsecken eingerichtet, bestückt mit Gegenständen aus früheren Zeiten. Wer sich intensiv mit einem Menschen beschäftige, der könne ein Lebensbuch anfertigen, in dem wichtige Dokumente, Fotos oder Briefe gesammelt werden. Eine andere Möglichkeit: Die Erinnerungskiste, gepackt mit den Gegenständen, die in der Erinnerungspflege „Trigger“ heißen. Wer tiefer in das Thema einsteigen und für die eigene Zukunft vorsorgen wolle, der könne auch heute schon anfangen, seine persönliche Kiste zu packen, schlug die Gerontologin vor. Eine schwierige, aber spannende Aufgabe, Dinge zu finden, die jene Geschichten des eigenen Lebens erzählen, an die man sich später gern erinnern möchte.




