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Mehr Kreativität statt schwerfälliger Hierarchien

Der Treff Sozialarbeit diskutiert vernetztes Denken und systemische Konzepte

Was sich Marsmenschen wohl denken würden, kämen sie auf die Erde und würden einem Fußballspiel zuschauen? Mit diesem plastischen Beispiel hat die Psychologin Elisabeth Nicolai in die Konzepte des systemischen Denkens eingeführt. Denn so theoretisch das Thema „Vernetztes Denken – systemische Konzepte in Beratungs-, Organisations- und Sozialplanungsprozessen“ des Treffs Sozialarbeit auch klang: Es hat ganz praktische Bedeutung, weil nach den systemischen Konzepten nicht nur einzelne Menschen betrachtet werden, sondern auch deren Umfeld und die Systeme, in denen sie handeln. Das vernetzte Denken habe in den vergangenen Jahren „Einfluss in ganz unterschiedliche Felder der sozialen Arbeit“ gefunden, erklärte Jürgen Armbruster beim Treff Sozialarbeit am Donnerstag, 16. Februar. Das Wort „systemisch“ habe sich in der Fachwelt sogar zu einem „mehr oder minder modischen Adjektiv“ entwickelt, so Armbruster. Das zeigte auch die Zahl der rund hundert Besucher, die ins Haus der Diakonie gekommen waren.

Die Ansätze seien wichtig, wenn es um die Beratung oder Familientherapie ginge, so der Abteilungsleiter der Dienste für seelische Gesundheit der eva. Schließlich sähen sie vor, den Einzelnen nie isoliert zu sehen, sondern immer das Netz aus sozialen und familiären Beziehungen zu berücksichtigen. Gleichzeitig aber fließe vernetztes Denken auch in Bereiche wie Organisationsentwicklung oder Sozialplanung ein. Ganz neu seien die Überlegungen freilich nicht. Schließlich hätten schon frühe Protagonistinnen der sozialen Arbeit wie Alice Salomon und Mary Richmond vor über hundert Jahren gefordert, im Umgang mit Menschen immer das Umfeld einzubeziehen.

Wenn Außerirdische zum Fußball gehen

Die Psychologin und Professorin Elisabeth Nicolai, die in Reutlingen und in Tübingen lehrt, bestätigte, es sei keinesfalls neu, Individuen im Kontext zu sehen, die Intention dafür aber habe sich gewandelt. Sei es früher darum gegangen, in der Beratung Mitstreiter im Umfeld der Person zu finden, so ginge es heute um ein tief greifendes Verständnis, das den Ausweg aus Problemen oft erst aufzeige. Nun kamen die Marsmenschen ins Spiel: Kämen sie in forschender Absicht zur Erde, so käme ihnen ein Fußballspiel wohl zunächst seltsam vor. Besonders aber könnten sie sich über den Schiedsrichter wundern, der nicht – wie die 22 Spieler – dem Ball hinterher rennt und zudem als einziger schwarz gekleidet ist und in eine Trillerpfeife bläst.

Keine simplen Handlungsanweisungen

„Die Marsianer würden vielleicht diskutieren, ob eine Störung in der frühen Kindheit vorliegt“, sagte Elisabeth Nicolai. Wenn die Außerirdischen das System „Fußballspiel“ aber erst unter die Lupe nähmen, würden sie den Unparteiischen verstehen. Treffe eine Mannschaft partout das Tor nicht, könne dagegen ein Blick auf das (Sub-)System „Mannschaft“ lohnen. Greife der Torwart daneben, so fänden sich die Gründe möglicherweise in anderen Systemen, etwa in der Familie des Sportlers oder in seinem Arbeitsumfeld.

Zur gleichen Zeit aber sei auch jeder Mensch ein System, das durch eine Vielzahl – oft unbewusster – Prozesse geprägt sei. Ganz unterschiedlich laufe daher Aufnahme und Verarbeitung von Botschaften ab. „Da wird klar, dass wir keine Menschen einfach instruieren oder willentlich verändern können“, erläuterte die Psychologin die Grenzen traditioneller Konzepte. Schließlich lebe jeder in seiner eigenen „erfundenen Wirklichkeit“. So sei die systemische Therapie nie mit simplen Handlungsanweisungen zur Hand. Es gelte, die individuelle Wirklichkeit zu ergründen, um dann nach Alternativen zu suchen. „Wir können verstören oder anregen und so neue Ideen möglich machen, aber nichts von außen hinzu fügen“, so die Psychologin. „Was dabei dann rauskommt, ist am Anfang völlig offen“, so ihr Fazit.

Systemisches Denken in der Planung

Die zweite Expertin des Treffs hat nach eigenem Bekunden zwar keine systemische Ausbildung vorzuweisen, hatte aber dennoch viel zu berichten. Marie-Luise Stiefel ist Leiterin der Jugendhilfeplanung beim Stuttgarter Jugendamt. Sie sprach darüber, welche Möglichkeiten sie dem systemischen Denken in Planungsprozessen und in der Organisationsentwicklung zutraut. Die Herausforderungen sind groß, daran ließ Marie-Luise Stiefel keinen Zweifel. Schließlich seien die gesellschaftlichen Umwälzungen an der Schwelle zur Informationsgesellschaft tief greifend, ähnlich denen, die zur Zeit der Industrialisierung abliefen. „Wir brauchen keine Innovation, die sich aus der Vergangenheit speist, sondern grundlegend Neues, wenn wir den Wandel aktiv mitgestalten wollen“, so die Rednerin. 

Im Gespräch (v.l.): Elisabeth Nicolai, Jürgen Armbruster, Helmuth Beutel, Marie-Luise Stiefel

Kreativität und Selbstorganisation

Den herkömmlichen Planungsbegriff würde die Expertin am liebsten gänzlich abschaffen. „Unsere Aufgabe ist es, das Lernen zu organisieren.“ Dazu müssten sich die Führungsebenen in Organisationen und Unternehmen vom traditionellen kausalen Steuerungsmodell verabschieden, das sich streng mechanisch an Ursache und Wirkung orientiere. „Eine Organisation wie das Jugendamt mit 2800 Mitarbeitern in 180 verschiedenen Organisationseinheiten an 280 Standorten kann einfach nicht auf Knopfdruck funktionieren.“ Marie Luise Stiefel forderte den Übergang zu einer systemischen Führungskultur, die auf Rückkopplungen setze und auf die Kreativität und die Selbstorganisation der Mitarbeitenden baue.
Der rasche Wandel in der Gesellschaft und das Kontrollbedürfnis in schwerfälligen Hierarchien passten nicht länger zusammen. Das Ziel sei die „lernende Organisation“ und Systemeverbindend, eine „lernende Jugendhilfe“, die sich ständig weiter entwickle. Voraussetzung aber sei, dass sie genug Raum biete für Selbstreflektion und über „Kommunikationsarchitekturen“ verfüge, die Selbstverantwortung und Selbstorganisation fördern. Der Verzicht auf strenges Regelwerk bedeute auch, dass Sichtweisen „vergemeinschaftet“ werden müssten. In wichtigen Fragen müsse Konsens bestehen. Das schließe auch Vorgesetzte ein, die bereit sein müssten, die eigene Position immer wieder zu hinterfragen.

Ein Amt ist stolz auf sich

Dass diese Visionen oft genug „weit weg von der Realität“ sind, das gestand auch die Expertin ein. Im Stuttgarter Jugendamt aber sei man bereits ein gutes Stück des Weges gegangen. So gebe es seit fünf Jahren Dialogseminare, die ohne bestimmtes Thema, Ziel oder Moderation einzig dem Austausch und der Verbesserung der Kommunikation dienten. Wie sich die Erfolge denn bemerkbar machten, wollte ein Besucher des Treffs Sozialarbeit wissen. „Es wurde viel Motivation und Gestaltungswillen freigesetzt. Wir haben trotz schwieriger Zeiten, in denen auch viel gekürzt wird, eine kreative Stimmung“, sagte Marie-Luise Stiefel. „Die Gesprächskultur ist dialogischer. Und ich habe Kollegen, die sagen: Ich bin stolz, in diesem Jugendamt zu sein.“

Die Präsentation von Marie-Luise Stiefel sowie Literaturhinweise finden Sie hier.