Veranstaltungen > Berichte und Dokumentationen > Treff Sozialarbeit 2006 > Wenn Kinder dem Tod begegnen - TSA 04/06
Mit dem Tod von Kindern leben lernen
Die Leiterin des Kinder-Hospizes Stuttgart spricht über ihre Arbeit
Von Christoph Rösch (epd)
Stuttgart (epd). Der dreijährige Michael (Name geändert) ist ein "Schattenkind". Seit sein Schwesterchen vor zwei Jahren mit einer lebensbedrohlichen Behinderung geboren wurde, spricht er kaum noch und zieht sich ganz in sich selbst zurück. "Schattenkinder" seien Geschwister von sterbenskranken Kindern, die versuchten zu verschwinden, sich unsichtbar zu machen. Sie wollten ihren stark beanspruchten Eltern so möglichst nicht zur Last fallen, erklärt Christine Ettwein-Friehs, Koordinatorin des Kinder-Hospizes in Stuttgart.
Die Begleitung von Geschwisterkindern und ihrer Familien sei eine von insgesamt vier Säulen, auf denen die ambulante Arbeit des Kinder-Hospizes ruhe, so die hauptamtliche Sterbebegleiterin in ihrem Vortrag "Kinder begegnen dem Tod" beim "Treff Sozialarbeit" der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (eva).
Das Stuttgarter Kinder-Hospiz wurde im Jahr 2002 als kostenfreies Hilfsangebot an Familien gegründet, in denen ein sterbendes Kind lebt. Freiwillige Mitarbeiter kommen zu den Familien und helfen bei Pflege und psychischen Problemen. Dabei sei wichtig, auch mit Eltern, Geschwistern oder Verwandten Gespräche zu führen, die mit der schwierigen Situation nicht zu recht kämen. Sehr häufig bliebe zum Beispiel wegen der Belastungen durch Pflege und Krankenhausaufenthalte die Elternbeziehung auf der Strecke.
Letztes Jahr haben die Freiwilligen des Kinderhospizes zwölf Familien begleitet. Zahlen aus Großbritannien, wo die Hospizbewegung ihren Ursprung hat, zeigen, dass sich die Helfer eines Kinder-Hospizes im Durchschnitt vier Jahre um eine Familie kümmern. In der längeren Betreuungsdauer liege der große Unterschied zur Sterbe-Begleitung von Erwachsenen: Kinderhospizarbeit fange im Idealfall viel früher an als die Betreuung sterbender Erwachsener. Daraus ergäben sich auch andere Anforderungen an die Betreuenden, erläuterte Christine Ettwein-Friehs die Auswirkungen.
Eine weitere Säule ihrer Arbeit sei deshalb die regelmäßige Weiterbildung ihrer Mitarbeiter. So sei jetzt eine Reihe gestartet, die alle Aspekte behandle, die bei der Betreuung wichtig sind: In insgesamt zwölf Modulen würden die zukünftigen Sterbehelfer mehr darüber lernen, wie sie mit Kindern sprechen müssen, was bei der Pflege zu beachten ist und welche Symptome typische Erkrankungen haben. Außerdem gebe es alle 14 Tage eine Gruppensitzung, in der die konkreten Fälle besprochen würden, fasste die Seelsorgerin die Maßnahmen zusammen, die die optimale Betreuung sichern sollen.
Sein spezielles Fachwissen bietet das Kinder-Hospiz auch Einrichtungen an, die mit todkranken Kindern zu tun haben. Seien das nun Behindertenheime, Kindergärten oder Schulen. Menschen, die mit Kindern arbeiten, würden häufig bei ihr anrufen und sie um Rat fragen, wenn ein von ihnen betreutes Kind im Sterben liege. Besonders wichtig wäre dabei die Trauerarbeit nach einem Todesfall, berichtet die ehemalige Kinder-Seelsorgerin aus den Erfahrungen der letzten vier Jahre. Viele Menschen wüssten heute nicht mehr, wie sie mit dem Tod eines Bekannten oder Verwandten umgehen sollten. Deshalb würden die Freiwilligen des Hospizes auch nach dem Tod eines Kindes die Betreuung fortsetzen, erklärte Ettwein-Fries.
Sie wolle dazu beitragen, dass das Thema Tod in der Gesellschaft wieder offener thematisiert werde. Er gehöre genauso zum Leben wie die Geburt, betonte die Mutter von drei Kindern und sagte dann: "Die Menschen sollten erkennen, dass es schwer ist, dem Tod standzuhalten und Sterbende zu begleiten aber auch sehen, dass es gleichzeitig unheimlich bereichernd ist".
(0893/05.05.2006)




