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Von der Sucht und der Psychose in die Knie gezwungen
Mit freundlicher Genehmigung der Stuttgarter Zeitung, Ausgabe vom 30. Juni 2005
Die Evangelische Gesellschaft (Eva) in Stuttgart ist 175 Jahre alt geworden. Statt zu feiern, zeigt sie lieber Firmen aus der Region, wie wichtig ihre Angebote sind. Die StZ stellt die verschiedenen Einrichtungen in einer Serie vor. Heute: der sozialpsychiatrische Dienst.
Von Erik Raidt
Als Tobias Frank (Name geändert) erstmals Hilfe suchte, war sein Leben verworren wie eine Schnur, die sich in ein schwer entwirrbares Knäuel verwandelt hat. Anfang der 80er Jahre verschwendete er seine Jugend an Haschisch, LSD und Speed. Wahnvorstellungen und Halluzinationen beherrschten sein Denken und schnitten ihn immer mehr von der Wirklichkeit ab. ¸¸Meine Sucht und eine darauf folgende Psychose hatten mich damals vollständig in die Knie gezwungen", erinnert sich der heute 45-Jährige.Viele Jahre lang führte er ein Leben in der Drehtür: rein in die Klinik, raus in den Alltag, und nach kurzer Zeit folgte die nächste stationäre Behandlung. Tobias Frank runzelt die Stirn und denkt länger nach: ¸¸Ich habe es bestimmt auf 20 Krankenhausaufenthalte gebracht." 1983 fand er erstmals Hilfe beim Sozialpsychiatrischen Dienst, mehr als zwei Jahrzehnte später nutzt er immer noch die Angebote der Einrichtung.

Heute gehe die Gesellschaft anders mit psychisch Kranken um als noch vor 20 Jahren, sagt Jürgen Armbruster, der den Sozialpsychiatrischen Dienst in Stuttgart leitet. Damals gab es außerhalb der Kliniken nur wenige Einrichtungen. Diese Häuser lagen abgelegen, fern von Ballungsgebieten. Mit denen, deren Verhalten von der Norm abwich, wollten nur wenige etwas zu tun haben. Mittlerweile bietet die Eva eine Vielzahl von Programmen für psychisch Kranke an: Seit vier Jahren kümmert sich beispielsweise ein spezieller Pflegedienst um hilfsbedürftige Menschen. Und in der psychiatrischen Familienpflege leben die Kranken in einer Gastfamilie.
Tobias Frank brauchte mehr als ein Jahrzehnt, bis er die Drogen in den Griff bekam. Er fühlte sich wie ein Jo-Jo, das auf und ab saust und nie zur Ruhe kommt: Eine Ausbildung fing er an und brach sie schnell wieder ab. Mal ergatterte er als Gartenbauhelfer einen Gelegenheitsjob, dann warfen ihn die Rauschmittel erneut aus der Bahn. Zweimal versuchte er, sich das Leben zu nehmen. Wo wäre er heute, wenn ihm nicht immer wieder Psychologen und Sozialpädagogen geholfen hätten? ¸¸Ich wäre nicht mehr am Leben", sagt er lakonisch.
Wenn ein Lebensabschnitt zu Ende geht und ein neuer beginnt, wachse das Risiko, dass die Psyche einen Knacks bekommt, erläutert Jürgen Armbruster. So erging es Tobias Frank, der mit 23 Jahren noch zu Hause wohnte und keine feste Anstellung fand. Aber auch Ältere, die den Übergang vom Berufsleben in den Ruhestand nicht bewältigen, suchen die Hilfe der Eva. Viele von ihnen fühlen sich wertlos, manchen fehlt der Freundeskreis, andere sind verschuldet. ¸¸Zu uns kommen oft Leute mit vielfältigen unsortierten Problemen", erzählt Armbruster. Seine Mitarbeiter versuchen dann, gemeinsam mit den Betroffenen das Knäuel in der Schnur wieder zu entwirren. ¸¸Letztendlich geht es schlicht um die Frage, wie diese Menschen ein sinnvolles Leben führen können."
Tobias Frank hat für sich eine Antwort gefunden. Er engagiert sich ehrenamtlich in einer Selbsthilfegruppe psychisch kranker Menschen, der ¸¸offenen Herberge". Seit einigen Jahren arbeitet er auf der Diakoniestation im Rahmen einer geringfügigen Beschäftigung. Oft sitzt er im Vaihinger Tagescafé, das der Sozialpsychiatrische Dienst eingerichtet hat. Dort unterhält er sich mit Leuten, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. ¸¸Hier fühle ich mich wohl, weil ich mich und mein Leben nicht tausendfach erklären muss."
(c) 2005 Stuttgarter Zeitung




