Nachrichtenarchiv > Haus der Lebenschance 2012
„Ich habe bewiesen, dass ich was drauf habe“

Vor zwei Jahren hat in Stuttgart ein Projekt begonnen, das nach Kenntnis der Initiatoren immer noch einmalig ist in Deutschland: das Haus der Lebenschance. Hier können junge Schulabbrecher sich auf einen Hauptschulabschluss vorbereiten – junge Menschen, die sonst keine Chance hätten, noch einen Abschluss zu machen. Die eva und die Baden-Württembergische Kommende des Johanniterordens betreiben das Haus bisher ausschließlich mit Spendengeldern. Sie möchten zeigen, dass auch scheinbar chancenlose junge Menschen lernen können, auf eigenen Füßen zu stehen, wenn sie dabei intensiv unterstützt werden und keinem Zwang ausgesetzt sind. Inzwischen haben acht junge Menschen einen Schulabschluss geschafft. Das zunächst zweijährige Projekt wurde jetzt bis Mitte 2013 verlängert, es gibt erste Gespräche mit dem JobCenter und dem Sozialamt, ob diese künftig einen Teil der Kosten übernehmen.
Jung und ohne Schulabschluss – der damals 20-jährige Giuseppe hatte wenig Perspektiven. Weil seine italienischen Eltern ihn nicht unterstützen konnten, hat er nur die Förderschule besucht. Nach der Schule war er in verschiedenen Arbeitsprojekten beschäftigt, dann war er für kurze Zeit arbeitslos. Im Frühjahr 2010 hat sich Giuseppe beim Projekt „Haus der Lebenschance“ beworben und ab April 2010 einen Platz bekommen.
Jugendliche lernen, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen
Im Moment kommen acht Teilnehmerinnen zwischen 15 und 22 Jahren sowie sechs Teilnehmer zwischen 17 und 26 Jahren ins Haus der Lebenschance. Ziel ist, dass jede und jeder von ihnen den Schulabschluss erfolgreich nachholt und einen Ausbildungsplatz findet. Daneben lernen die Jugendlichen, im Team zu arbeiten, Konflikte zu lösen und Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen.
Damit dies gelingt, ist die Freiwilligkeit ein wichtiges Prinzip: Jeder, der teilnehmen möchte, muss sich – wie Giuseppe – bewerben. In einem „Vorstellungsgespräch“ kann er zeigen, dass er motiviert ist. Wer ins Haus der Lebenschance aufgenommen wird, schließt mit den beiden hauptamtlichen Mitarbeiterinnen der eva eine Vereinbarung ab. Für jeden Teilnehmer werden individuelle Ziele festgehalten, die regelmäßig besprochen werden.
Feste Struktur gibt Halt und Orientierung
An fünf Tagen in der Woche kommen die jungen Menschen von 9 bis 16 Uhr ins Haus der Lebenschance. Dort werden sie durch Honorarlehrkräfte in den prüfungsrelevanten Fächern unterrichtet. Daneben gibt es viele Projekte, in denen die Jugendlichen ihre kreativen und sportlichen Fähigkeiten ausprobieren können: Fotoseminare, Plastizieren, Bogenschießen, Malkurse und vieles mehr. Jeder Tag hat eine feste Struktur, die den Jugendlichen Halt und Orientierung gibt.
Unterstützt werden die jungen Menschen daneben von ehrenamtlichen Paten, die vom Johanniterorden gestellt werden. Die sieben Paten und zwei Patinnen unterstützen die jungen Menschen vor allem dabei, einen Ausbildungsplatz zu finden: Sie erarbeiten mit ihm oder ihr das geeignete Berufsziel und begleiten ihr „Patenkind“ auch zum möglichen Arbeitgeber.
Ausreichende Finanzierung muss gesichert werden
Das Projekt war zunächst auf zwei Jahre angelegt und ist jetzt nochmals um ein Jahr verlängert worden. Ohne ausreichende Finanzierung lässt sich das Projekt nicht dauerhaft erhalten. „Wir appellieren an die staatlichen Stellen in Stadt, Land und Bund, uns finanziell zu unterstützen“, sagt Curt-Ekkehard Freiherr Schenck zu Schweinsberg, als Kommendator des Johanniterordens der Kommende Baden-Württemberg für das Haus der Lebenschance zuständig.
Giuseppe ist heute 22. Für ihn und sieben weitere junge Menschen hat sich die Teilnahme am Projekt gelohnt. Sie haben in den vergangenen beiden Jahren ihren Hauptschulabschluss geschafft. Sie haben darüber hinaus die Möglichkeit wahrgenommen, sich persönlich zu entwickeln, um ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten. Giuseppe sagt heute selbstbewusst: „In der Vergangenheit war niemand auf mich stolz, nicht einmal ich selber. Heute weiß ich, was ich kann und habe mir und den anderen bewiesen, dass ich was drauf habe.“



