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Und abermals wirkte segensreich ein Hahn

Christoph Ulrich Hahn

Mit freundlicher Genehmigung der Stuttgarter Zeitung, Ausgabe vom 27. Oktober 2005.

Unser Kolumnist GERHARD RAFF erinnert heute an Christoph Ulrich Hahn. Der Förderer des Wohlfahrtswesens und Wegbereiter des Deutschen Roten Kreuzes wurde vor 200 Jahren in Stuttgart geboren.

Aus dere Sielmenger Schultheißedynastie Hahn kommet so viel Käpsele raus, vom Hegel bis Heuss, vom Mörike über Maybach bis Bonhoeffer. Ond der geniale, der ¸¸wahrhaft newtonsche Kopf" Philipp Matthäus Hahn hat no en jöngere Brueder ghet, den Daniel Hahn (1755-1831), Kanzleibeamter beim Oberkircherat, später em Finanzministerium, Mitbegründer von dr Wirtebergische Bibelanstalt. Ond der hat em Schorndorfer Landrat sei Jonge gheiratet ghet, dui Ulrike Paulus (1772-1825), ond dui hat am 30. Oktober 1805 en Stuegert den Christoph Ulrich Hahn uff d"Welt bracht.

Der ¸¸vom schwäbischen Pietismus tief geprägte und hochbegabte Knabe" därf en des Eberhard-Ludwigs-Gymnasium ond studiert no en Dibenge Theologie, wie übrigens au sein berühmter Onkel net als Stiftler, sondern als Stadtstudent, und macht mit 22 Jahr sei Examen, trotz dass"r krank worde isch ond zur Kur en d"Schweiz geschickt worde isch, wo er sei erstes drucktes Buch schreibt, en Reiseführer vom Kanton Appenzell. Mit 23 hat"r scho sein Dokter ond goht als Lehrer an a Privatschuel en Lausanne. Dort ond en Genf "begegnet er dem Schweizer Calvinismus, dessen soziales Wirken ihn stark beeindruckt". Anno 1829 kommt"r uff hie zrück ond wird Vikar en Esslenge, gründet dort 1830 en "Traktatverein zur Ausbreitung kleiner religiöser Schriften", ond aus dem isch dui segensreiche "Evangelische Gesellschaft" en Stuegert entstande, wo jetz mit dem 200. Geburtstag von ihrem Gründer Hahn au ihr 175-Jahr-Jubiläum feire ka.

Anno 1833 holet se ihn als Diakonus nach Bönnigheim, ond dort macht der gscheite Kerle, wo die alte wie die neue Sprache samt Russisch perfekt schwätze ka, em Jahr druff a Internat uff für Buebe aus äller Welt, aus USA, Russland, Südafrika, ond aus alter Ahänglichkeit kommet au no viele Mömpelgarder. 1835 heiratet er em Güglenger Stadtpfleger sei Jonge, dui Luise Johanna Lutz (1812-1843), dui kriegt oi Mädle ond zwoi Buebe ond stirbt no so jong. Ond anno 1849 nemmt"r dui Bönnigheimer Kaufmannstochter Elisabeth Marstaller (1827-1855) zom Weib, ond dui kriegt au zwoi Buebe ond stirbt au so jong, ond weil"r mit boide Fraue so selig gwä isch, heiratet"r jetz nemme.

Ond als frommer ond gscheiter Ma setzt"r sich "in zahlreichen Schriften für die Beseitigung der im Lande vor allem durch mehrjährige Missernten entstandenen Armut ein" ond gründet ganz praktisch anandernach onter anderem a Volksküche, en Kendergarte, en Leseverei, en "Verein zur Bekleidung armer Landleute", en "Verein gegen Bettel der Handwerksgesellen", en "Verein für christlich erziehende Ackerbauschulen", ond so weiter. Ond so nebeher schreibt"r au no a "epochemachende und bahnbrechende" (ond au nach 150 Jahr no lesbare, dreibändige) "Geschichte der Ketzer im Mittelalter" ond kriegt für dui anno 1849 en Ehredokter von dr Universität Leipzig. Ond em gleiche Jahr machet se ihn zom Ehrebürger von Bönnigheim.

Anno 1859 holet se ihn als Pfarrer "in das sich vom Weingärtnerdorf zum Arbeiterwohnort wandelnde Heslach" ond dort "sucht er durch eine Verbesserung des Bildungswesens das Elend der Arbeiter und ihrer Familien zu beseitigen". Ond scho anno 1856 hat"r uff"me Kongress en Brüssel a "internationales Fabrikgesetz" vorgschlage ond "mit dem Ruf nach einem Verbot der Kinderarbeit, der Nachtarbeit für Frauen und Jugendliche sowie der Sonntagsarbeit Aufsehen erregende und für die damalige Zeit des Manchesterkapitalismus geradezu revolutionäre Forderungen aufgestellt". Em gleiche Jahr 1859 hat der Genfer Kaufmann Henri Dunant bei dr Schlacht von Solferino "den Gedanken zur Schaffung einer internationalen, neutralen Organisation zur Versorgung der im Kampf verwundeten Soldaten entwickelt". Ond der Heslicher Pfarrer wird jetz von dr Keenigin Katharina ihrem Landeswohlfahrtswerk nach Genf gschickt ond schließt dort a lebenslange Freundschaft mit dem Henri Dunant. Ond wieder drhoim sorgt"r drfür, dass am 5. Dezember 1863 der "Württembergische Sanitätsverein" gründet wird, "die allererste Organisation des Roten Kreuzes außerhalb Genfs", ond em Jahr druff onterschreibt er als "offizieller Gesandter des Königreichs Württembergs" dui "Genfer Konvention".

Anno 1872 goht"r en Heslich en Rente ond "widmet sich den Rest seiner Tage der Förderung und Vervollkommnung des Wohlfahrtswesens und ist auf zahlreichen Konferenzen im In- und Ausland mit seinen hervorragenden Sprachkenntnissen, seinem diplomatischen Geschick und seinen edlen (an einen Richard von Weizsäcker erinnernden) Umgangsformen ein gern gesehener und gehörter Gast". Ond es isch koi Wonder, wenn so a Menschefreund au no für seine "Pionierleistung auf dem Gebiete des Tierschutzes" globt werde ka. Am 5. Januar 1881, am Adenauer seim fönfte Geburtstag, isch der fleißige ond segensreiche "Gründervater der Diakonie in Württemberg" ond "Wegbereiter des Deutschen Roten Kreuzes" en Stuegert gstorbe ond dr Herr Oberhofprediger Karl von Gerok hat ihn uffem Fangelsbachfriedhof vergrabe. Ond a ganze Armada von Lobredner hat fest versproche, mr dät ihn "nie vergessen".