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Veranstaltungen > Berichte und Dokumentationen > Fachtage und Vorträge > Fachtag: Mädchen schlagen zu

Aggression als Ausdruck neuer weiblicher Adoleszenz oder psychischer Not?

eva-Fachtag "Mädchen schlagen zu!"


Eine der zentralen Aufgaben der AG Mädchenarbeit der eva ist, sich fachlich über mädchenspezifische Themen und Lebenslagen der Mädchen auszutauschen. Dabei hat die AG immer wieder das Thema psychisches Leiden sowie Eigen- und Fremdaggressionen von Mädchen diskutiert. Da es zu diesem aktuellen und brennenden Thema viele offene Fragen gibt, griffen die Mitglieder der AG es für einen Fachtag auf. Dieser fand am 18. Oktober statt und stieß auf reges Interesse: Insgesamt meldeten sich 190 Personen aus ganz Baden Württemberg an, 100 Anmeldungen konnten nicht angenommen werden. 

eva-Vorstand Friedhelm Buckert eröffnete den Fachtag. Er betonte, dass mit dem Fachtag eine Auseinandersetzung mit dem Thema Aggression bei Mädchen zwischen Dramatisierung und Bagatellisierung gesucht werde.

Dr. Claudia Wallner, Mitbegründerin der BAG Mädchenpolitik, bearbeitete in ihrem Vortrag die Sozialisation von Mädchen und die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen des Aufwachsens von Mädchen. Dabei wurde deutlich, dass Mädchen heute aus einer Vielzahl von Rollenbildern scheinbar wählen können, gleichzeitig jedoch strukturellen Zwängen unterliegen. Nie war die Kluft zwischen Perspektivlosigkeit und Möglichkeit größer. Scheitern wird dadurch leicht als individuelles Versagen erlebt, Selbstzweifel und niedriger Selbstwert folgen.

Ulrike Eipperle, Bereichsleiterin im Margaretenheim der eva, sieht einen Zusammenhang zwischen niedrigem Selbstwert und dem Umgang mit Aggressionen von Mädchen: „Hinter Eigen- und Fremdaggression stehen häufig Angst und Unsicherheit, teilweise traumatisierende Erfahrungen aus frühester Kindheit sowie Frustration darüber, möglicherweise keine adäquate Zukunft zu haben.“ Deshalb bekommen die Mädchen im Margaretenheim viel Lob und Anerkennung für die Dinge, die gut funktionieren. Damit wird ihr positives Verhalten verstärkt, ihr Selbstwertgefühl aufgebaut.

Martina Fritz, pädagogische Leiterin der Sozialpädagogischen Einrichtung Niefernburg in Niefern-Öschelbronn, stellte verschiedene Methoden vor, die in der Niefernburg praktiziert werden. Mit ihnen sollen die Mädchen Halt und Orientierung bekommen; sie sollen lernen, konstruktiv mit ihren Aggressionen umzugehen. Gute Erfahrungen mache die Niefernburg beispielsweise mit einem regelmäßigen Fitnesstraining sowie mit der Kampfkunst Aikido, da hierbei klare Regeln gelten. 

Nachmittags konnten die Teilnehmenden zwischen drei Arbeitsgemeinschaften wählen: Dagmar Preiß, systemische Familientherapeutin beim Mädchengesundheitsladen Stuttgart, behandelte in ihrer Arbeitsgemeinschaft das Thema „Wohin mit meiner Wut? Aggression und Autoaggression als zwei Seiten einer Medaille“.

Henning Ide-Schwarz von der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Olgahospitals moderierte eine AG zum Thema „Wie du mir so ich dir? Traumatisierte Mädchen in der Jugendpsychiatrie“.

Katja Irmler, Kriminaloberkommissarin im Dezernat Jugenddelinquenz vom Polizeipräsidium Stuttgart, leitete die AG: „Wird die Jugendsachbearbeitung zur Mädchensachbearbeitung? Beobachtungen der Entwicklung von Straffälligkeit bei Mädchen aus Sicht der Polizei.“

Andrea Bruhn von der Jugendgerichtshilfe des Jugendamtes Stuttgart trug die Erfahrungen und Einschätzungen mit Mädchen aus Sicht des Jugendamtes vor

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Aggressionen bei Mädchen sowohl ein Ausdruck neuer weiblicher Adoleszenz sind als auch psychischer Not. Eigen- und Fremdaggression haben zugenommen, Fremdaggressionen jedoch deutlich weniger als wir glauben. Ein Beispiel: Auf eine Testfrage von Andrea Bruhn ans Plenum, wie viele Körperverletzungsdelikte von weiblichen Täterinnen die Jugendgerichtshilfe zu bearbeiten habe, wurde die doppelte Anzahl geschätzt. Lösungen für den Umgang mit den Aggressionen von Mädchen sind so unterschiedlich wie die Mädchen selbst und sollten ihnen demnach auch individuell gerecht werden.

Eine ausführliche Tagungsdokumentation können Sie hier herunter laden:

Dokumentation Fachtag

Traumatisierte und gewaltbereite Mädchen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie

Umgang mit Aggression in der Arbeit mit Mädchen in der Niefernburg

Folgende Dienste der eva haben bei der Organisation des Fachtages mitgewirkt: Mobile Jugendarbeit, das Margaretenheim, das Wohnprojekt Rosa, die Kindergruppe Landhausstraße, ZBS sowie HzE Mitte Nord.