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Wie Harry Potter und Pippi Langstrumpf durchs Leben!
eva hat Fachtag zur Bedeutung der Resilienz in der Sozialen Arbeit veranstaltet
Pippi Langstrumpf, das kecke Mädchen mit den vielen Sommersprossen, meistert jede noch so schwierige Situation - weil sie kreativ ist, an sich selbst glaubt und Freunde an ihrer Seite hat, die ihr helfen. Psychologen würden Pippi Langstrumpf als ''resilientes'' Mädchen bezeichnen. Unter Resilienz versteht man die Fähigkeit von Menschen, widrige Lebensumstände, Schicksalsschläge und Notsituationen unbeschadet zu überstehen. Während manche Menschen an ihren Problemen zerbrechen, meistern ''resiliente'' Menschen ihre Krisen konstruktiv, sie lernen aus ihren Erfahrungen und fühlen sich nach der überstandenen Notsituation unter Umständen sogar stärker als zuvor.
Doch unter welchen Bedingungen entwickeln Menschen eine solche seelische Widerstandskraft? Was brauchen Kinder, die unter schwierigen Lebensbedingungen aufwachsen, um sich trotz allem gut zu entwickeln und zu resilienten Erwachsenen zu werden? Mit diesen Fragen hat sich der Fachtag ''Wie Harry Potter und Pippi Langstrumpf durchs Leben! Zur Bedeutung der Resilienz in der sozialen Arbeit'' beschäftigt, den die Evangelische Gesellschaft (eva) am 25. März veranstaltet hat. Daran teilnehmen konnten 200 Fachkräfte; Interesse daran hatten mehr als doppelt so viele.
Die Forschung hat gezeigt: Resiliente Kinder und Jugendliche haben in ihrer Entwicklung gelernt, dass sie ihr Leben aktiv gestalten können. Sie nehmen die Dinge selbst in die Hand und sind überzeugt, dass ihr eigenes Handeln etwas bewirkt. Sie haben die Fähigkeit, mit anderen Menschen zu kommunizieren, Probleme zu lösen und dabei auch Hilfe zu erbitten und anzunehmen. Als Schutzfaktor wirkt dabei eine enge, positive und emotional stabile Beziehung zu mindestens einer erwachsenen Bezugsperson. Für die Diplom-Pädagogin Corina Wustmann vom Marie Meierhofer-Institut für das Kind in Zürich sind dabei ''drei V´s'' besonders wichtig: Die Bezugspersonen müssten für die Kinder vertrauenswürdig, verlässlich und verfügbar sein. Auch das soziale Umfeld spielt ein wichtige Rolle: Starke Kinder haben Freunde, erfahren Akzeptanz in einer Peer-Group und machen positive Erfahrungen - im Kindergarten, in der Schule und in der Ausbildung.
Beim Malen wertvolle Ressourcen entdecken
Kinder und Jugendliche resilient zu machen sieht auch die Evangelische Gesellschaft (eva) als eine ihrer Aufgaben an. Das geschieht unter anderem, indem Familien durch die ''Hilfen zur Erziehung'' unterstützt werden. Eltern haben nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz einen Anspruch darauf, in ihren Erziehungsaufgaben unterstützt zu werden. Das gilt besonders für Eltern, die durch Belastungen wie Arbeitslosigkeit, Armut oder psychische Erkrankung mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind. Leider haben viele dieser Eltern selbst eine schwierige Kindheit mit wenig Fürsorge und Verlässlichkeit erlebt. So fällt es ihnen schwer, ihren Kindern die Sicherheit zu geben, die sie selbst als Kind schmerzlich vermisst haben. Durch verschiedene Methoden und Projekte sollen solche Eltern und ihre Kinder gestärkt und unterstützt werden.
So malt beispielsweise die Sozialarbeiterin und Kunsttherapeutin Ulrike Scherer von den Hilfen zur Erziehung regelmäßig mit Müttern und Kindern Schatzkisten. In diese Schatzkisten wird hineingemalt oder -geschrieben, was im Leben Freude macht, was gelingt und welche hilfreichen Beziehungen zu anderen Menschen vorhanden sind. Durch den Blick in die Schatzkiste können eigene Stärken und Fähigkeiten sowie hilfreiche Kontakte zu anderen Menschen entdeckt und gestärkt werden, die dabei helfen, Probleme zu lösen. Auch Religion kann für viele Menschen zur Lebenshilfe werden, hat Ulrike Scherer bei ihrer Arbeit festgestellt. ''Ich glaube, dass Menschen, die ihrem Leben mit allen seinen Schwierigkeiten einen Sinn geben können, Widrigkeiten besser ertragen und bewältigen können.''
Betreutes Wohnen in Familien: Normalität als Chance
Ein weiteres Angebot der eva richtet sich an psychisch kranke Eltern und deren Kinder. Um zu vermeiden, dass die Familie zum Schutz der Kinder getrennt wird, gibt es eine besondere ambulant betreute Wohnform: das ''Betreute Wohnen in Familien''. Dabei werden psychisch kranke Eltern gemeinsam mit ihren Kindern in geeigneten Gastfamilien untergebracht.
In der Gastfamilie können die leibliche Mutter und ihr Kind gemeinsam leben und eine stabile Beziehung zueinander aufbauen. Immer dann, wenn die Mutter in der Erziehung aufgrund der psychischen Erkrankung überfordert ist, wird sie von der Pflegefamilie unterstützt. ''Auch die Kinder haben in der Gastfamilie stabile Beziehungspartner. Das ist entscheidend dafür, dass sie resilient werden'', erklärt Monika Bachmeier, die beim Betreuten Wohnen arbeitet.
Ein Beispiel dafür ist die Geschichte von Markus (Name geändert). Mit seiner psychisch kranken Mutter und seinem alkoholabhängigen Vater lebt der Junge bis zu seinem fünften Lebensjahr in verschiedenen betreuten Wohngemeinschaften. Den Kindergarten kann er nur selten besuchen, weil seine Mutter es meist aufgrund ihrer Ängste nicht schafft, ihn dort hin zu begleiten. Sein Leben ändert sich völlig, als er gemeinsam mit seiner Mutter in einer Gastfamilie aufgenommen wird. Endlich erlebt er einen Alltag, der nicht mehr den Schwankungen der psychisch kranken Mutter unterworfen ist. Er darf jetzt jeden Tag in den Kindergarten gehen, er findet Freunde, er besucht einen Sportverein und die Musikschule. Den nächsten Klinikaufenthalt seiner Mutter erlebt er zum ersten Mal ohne die angstvolle Erfahrung, aus seinem Alltag gerissen zu werden. Er kann bei seiner neu gewonnenen Familie bleiben und mit dieser gemeinsam seine Mutter in der Klinik besuchen.
Mittlerweile leben Markus und seine Mutter seit fünf Jahren bei der Gastfamilie. Markus hat sich zu einem aufgeweckten Jungen entwickelt, der seinen Platz in der großen Familie gefunden hat. Zwar braucht er aufgrund seiner verzögerten Entwicklung immer noch viel Unterstützung bei den Hausaufgaben. Aber die Schule macht ihm immer mehr Spaß und das Lernen fällt ihm leichter. Durch das ''Betreute Wohnen in Familien'' hat er die Chance bekommen, ein Leben in Normalität zu führen und sich positiv zu entwickeln.
Um auch anderen Müttern mit ihren Kindern die Möglichkeit für ein gemeinsames Leben zu geben, sucht die eva nach geeigneten Pflegefamilien. Interessierte Familien können sich unverbindlich informieren beim Betreuten Wohnen in Familien, Monika Bachmeier, Robert-Koch-Str. 9, 70563 Stuttgart, Telefon 07 11.7 35 20 19 oder per E-Mail unter bwf(a)eva-stuttgart.de.
Jugendliche brauchen Menschen, die sie annehmen und fordern
Wer als Kind nicht resilient geworden ist, kann es als Jugendlicher noch werden. Diese Erfahrung machen die Mitarbeitenden der Mobilen Jugendarbeit immer wieder. Sie treffen auf junge Menschen, die die Voraussetzungen einer normalen familiären Umgebung nie gehabt haben. Sie können rebellieren, kriminell sein, Drogen nutzen - niemand setzt sich deshalb mit ihnen auseinander. Letztendlich verweigern manche komplett ihre Entwicklungsaufgaben und orientieren sich an Peer-Groups, die für sie andere Werte und Orientierungen vorgeben. Das befriedigt sie zwar zunächst, ist aber gefährlich für sie.
Wie können Jugendliche, die unter solchen Bedingungen aufwachsen, trotz aller schlechten Prognosen einigermaßen gesund bleiben? Sie brauchen sowohl einen erwachsenen Menschen als auch Freunde, die sie annehmen, fordern und ehrlich korrigieren. So kommen sie zu einer realistischen eigenen Meinung. Und sie müssen spüren, dass sie angenommen werden, wie sie sind. ''Die Grundhaltung ist wichtig'', sagt Volker Häberlein, Abteilungsleiter der Dienste für junge Menschen der eva: ''Der Mensch ist gut - daran kann man ansetzen. Auch, wenn es Brüche gibt.''
Zum Nulltarif sei die Förderung, die Resilienz zur Folge haben soll, nicht zu haben, sagte die Gießener Familiensoziologin, Professor Uta Meier-Gräwe, beim Fachtag. Sie forderte die Kommunen auf, besonders in benachteiligte Kinder zu investieren. Doch ''wir müssen nicht nur die Kinder fit machen, sondern auch die Sozialräume, in denen sie leben'', führte Meier-Gräwe weiter aus. Um zu wissen, in welchen Sozialräumen verstärkt benachteiligte Familien vertreten sind, müssten die entsprechenden Sozialdaten erhoben werden. Meier-Gräwe vertritt die Ansicht, dass nicht mehr mit dem Gießkannenprinzip gefördert werden sollte, sondern punktuell in den Sozialräumen mit erhöhtem Bedarf. Ihrer Meinung nach muss die Politik hier umdenken.
Hier finden Sie weitere Berichte und Informationen zum Fachtag als PDF-Dateien:
Bericht des Evangelischen Pressedienstes (epd)
Eröffnung Pfarrer Heinz Gerstlauer, Vorstandsvorsitzender der eva
Grußwort Bruno Pfeifle, Stadtdirektor, Jugendamt Stuttgart
Vortrag von Dipl.-Pädagogin Corina Wustmann (Folien)
Zusammenfassung zum Thema Resilienz, Corina Wustmann
Vortrag von Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe
Folien zum Vortrag von Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe
Vortrag von Stadtdekan Hans-Peter Ehrlich
Fazit am Ende des Fachtages, Dr. Margarete Finkel, Jugendamt Stuttgart
AG 1 Minnesota Studie und STEEP
AG 2 Bindungstheorie, Sabina Schaefer
AG 2 Kunsttherapie, Ulrike Scherer
AG 4 Sucht - Arbeit mit Angehörigen




