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„Kirche muss sich in Fragen der Arbeitslosigkeit einmischen“


„Welche Zukunft hat das Soziale in unserer Stadt?“ lautete eine der Fragen, mit denen Pfarrer Heinz Gerstlauer, Vorstandsvorsitzender der eva, am 28. April den Fachtag über die Zukunft des Sozialen eröffnete. Rund 100 Besucher diskutierten im Hospitalhof einen Tag lang über zukunftsweisende Lösungen: Keine leichte Aufgabe in Zeiten von Arbeitslosigkeit, Globalisierung, überalterter Gesellschaft und ungelösten Migrationsfragen. Nach Impulsreferaten von Stuttgarts Sozialbürgermeisterin Gabriele Müller-Trimbusch und Landesbischof Frank Otfried July wurde im sogenannten open space in Arbeitsgruppen diskutiert, Forderungen und Visionen entwickelt. Abschließend wurden von Stadtdekan Hans-Peter Ehrlich, der Parlamentarischen Geschäftsführerin der SPD-Bundestagsfraktion, Ute Kumpf, und dem Ersten Bürgermeister Michael Föll sowie Ursula Marx, der Fraktionsvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen im Stuttgarter Gemeinderat, und Pfarrer Heinz Gerstlauer die Ergebnisse auf dem Podium diskutiert.

„Früher war sogar die Zukunft besser“, zitierte Heinz Gerstlauer in seiner Begrüßungsrede humorvoll den Kabarettisten Karl Valentin. Heute sei der Mensch Zeuge ständiger Veränderungen. Und weiter: „Die Bevölkerung wird älter und internationaler, immer mehr leben allein, wir sind heute hier und morgen dort.“ Gerade in dieser schnelllebigen Zeit sehne sich der Mensch „nach Bindung und Orientierung, nach Heimat und Geborgenheit, echtem Mitleid und echter Sympathie.“ Er wünsche sich eine Gesellschaft, in der Werte wie Ehrlichkeit, Verantwortung und Nächstenliebe wieder eine Rolle spielen. In dieser Gesellschaft müssten Menschen verschiedener Herkunft, Kultur, Konfession und sozialer Schicht „wirklich gemeinsam leben können.“ Gerstlauer fragte: „Wer soll und wer kann das alles bezahlen?“

Der württembergische evangelische Landesbischof Frank Otfried July betonte vor den Fachtagsbesuchern aus Politik, Verwaltung, Ehrenamt und Wohlfahrt den sozialpolitischen Gestaltungswillen der Kirche. Seiner Ansicht nach muss sie sich in die Gestaltung einer sozialen Zukunft einmischen. Die Kirche solle im Bereich der sozialen Verantwortung, der Erziehung und Bildung mitgestaltend tätig sein. Auf diesen Feldern habe sie Kompetenz. July rief dazu auf, im diakonisch-sozialen Bereich mehr Netzwerke zu schaffen und besser zu kooperieren. Er warnte davor, sich in den Konkurrenzkampf wirtschaftlichen Wettbewerbs im sozialen Bereich kritiklos hineintreiben zu lassen.

Sozialbürgermeisterin Gabriele Müller-Trimbusch betonte in ihrem Impulsreferat, dass eine Stadtentwicklung in überschaubaren, menschlichen Dimensionen notwendig sei. Außerdem forderte sie eine Wiederbelebung geistiger Grundwerte. Eine ihrer Thesen lautete: „Zur Wahrnehmung der vielfachen Erwartungen haben die Einwohnerinnen und Einwohner den berechtigten Anspruch auf Unterstützungssysteme, die durch die kommunale Gemeinschaft bereit gestellt werden.“ Die Sozialbürgermeisterin mahnte zugleich: „Statt zu überlegen, wie man die teuren institutionellen Hilfen unseres Sozialsystems weiter finanzieren kann, sollte überlegt werden, wie im normalen menschlichen Miteinander alltägliche Unterstützung wirksam werden kann.“ Die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe hält sie unter ordnungs- und sozialpolitischen Gesichtspunkten für den richtigen Schritt. Ihrer Meinung nach soll der „Moloch der Bundesagentur für Arbeit“ zerschlagen werden.

Die abschließende Podiumsdiskussion wurde von eva-Vorstand Friedhelm Buckert moderiert. Ursula Marx bekannte, dass sie im Verlauf des Tages besonderes Interesse an der Diskussion über die Grundsicherung gefunden habe. Der Staat könne nicht aus seiner sozialen Verantwortung herausgehen. Erster Bürgermeister Michael Föll gestand, sich mit diesem Thema schwer zu tun: „Es kann nur verteilt werden, was aus der Wertschöpfung stammt.“ Die Leistungsträger der Gesellschaft wären mit einer Grundsicherung nicht zufrieden und würden ins Ausland abwandern, befürchtete Föll. Heinz Gerstlauer fragte nach, ob wir denn damit leben könnten, dass die Menschen mit der Grundsicherung nicht das machen, was diejenigen für richtig halten, die sie ihnen geben.

Stadtdekan Hans-Peter Ehrlich mahnte, dass die Schule nicht nur für den Beruf profilieren solle. Was wichtig für die Gesellschaft und für das eigene Leben sei, habe für ihn mehr Bedeutung. Er erinnerte an die Aussage von Landesbischof July, der in seinem Impulsreferat ein Netzwerk des Sehens und des Handelns gefordert hatte. Das würde er gerne durch ein Netzwerks des „Miteinander redens“ ergänzen. Dabei käme heraus, was für Kinder, Alte und diejenigen, die eine Unterstützung benötigen, wichtig sei.

Ute Kumpf stellte die Frage nach einer Anerkennungsstruktur. „Geht das über das Materielle oder über andere Werte?“, fragte sie in die Runde und erklärte, dass die gesellschaftliche Integration für sie einen hohen Stellenwert habe. Die Bundespolitikerin plädierte für die Stärkung der bürgerlichen Selbstverantwortung. Sie versprach, sich in Berlin für die Zuteilung von Mitteln einzusetzen, mit denen stadtteilbezogene Projekte auf ehrenamtlicher Basis ermöglicht werden können. An einem entsprechenden Projekt in Stuttgart würde sie sich gerne beteiligen. Den Fachtag fand Ute Kumpf „spannend“.

Es war eher zufällig, dass Erster Bürgermeister Michael Föll „das letzte Wort“ hatte. Er stellte die Grundsatzfrage, ob „wir (zukünftig) für materielle Gleichheit oder für Chancengleichheit sorgen“ sollten. An die freien Träger richtete er das Kompliment, dass das soziale Netzwerk in dieser Stadt ohne diese nicht möglich wäre. Er ging soweit, die freien Träger zu mehr Selbstbewusstsein zu ermutigen. Das hörten auf dem Podium die eva-Vorstände Friedhelm Buckert und Heinz Gerstlauer gerne, und im Publikum der stellvertretende Caritas-Direktor Heinz Wolf, der ebenfalls am Fachtag teilgenommen hatte.

Hier finden Sie den Text der Begrüßung von Pfarrer Heinz Gerstlauer und das Impulsreferat von Bürgermeisterin Gabriele Müller-Trimbusch im PDF-Format.