22. Juni 2012
Quartierskonzepte: Eine Antwort auf die alternde Gesellschaft
So lange wie möglich in den eigenen vier Wänden wohnen und aktiv am Leben teilhaben – das wünschen sich wohl die meisten, wenn sie ans Altern denken. Doch damit das möglich ist, muss vieles stimmen: die Wohnsituation, die Infrastruktur im Quartier, die Betreuung. Dabei stellt der demographische Wandel auch die kommunale Sozialplanung vor große Herausforderungen: Immer mehr ältere Menschen leben in den Stuttgarter Stadtbezirken, die Zahl wird weiter steigen. Wie reagieren die Stadt und die sozialen Akteure auf diese Entwicklung? Darüber haben Experten beim Treff Sozialarbeit der Evangelischen Gesellschaft (eva) am 21. Juni diskutiert. Das Thema lautete: „Älterwerden im Quartier: Ziele, Akteure, Finanzen“.
„Das Alter kommt in den Medien fast nur in zwei Extremen vor: Da gibt es die Pflegebedürftigen und die fitten, junggebliebenen Alten“, sagte Alexander Gunsilius, Sozialplaner der Stadt Stuttgart. Das Alter habe jedoch viel mehr Zwischenstufen und Facetten. Diese will der so genannte „Altersplan“ des Sozialamtes berücksichtigen. Ein wichtiges Element sind dabei Quartierskonzepte, die die Stadt in einem breiten Dialog mit den Akteuren vor Ort entwickeln will. Alle sollen einbezogen werden: die verschiedenen städtischen Institutionen, die sozialen Träger, die ehrenamtlich Engagierten und nicht zuletzt die Bewohner. Denn auf die Stadtbezirke kommen große Veränderungen zu: Immer mehr Ältere leben allein und haben keine Angehörigen, die sich um sie kümmern können. Gleichzeitig möchten auch hilfebedürftige Ältere immer häufiger nicht in ein Pflegeheim. Die Vorstellungen vom Leben im Alter sind differenzierter geworden: Alten-WGs, betreutes Wohnen oder das Mehrgenerationenhaus sind nur einige der vielen Möglichkeiten. Diese selbstständigen Wohnformen sollen durch die Quartierskonzepte weiterentwickelt werden. Weitere Ziele sind, die Infrastruktur wie Geschäfte, Ärzte und Apotheken in den Stadtteilen zu erhalten und bestehende Barrieren abzubauen.
Auch Radwege können eine Gefahr für Ältere sein
Dass es hier noch einiges zu verbessern gibt, machte Renate Krausnick-Horst deutlich. „Viele Wartezimmer bei Ärzten sind nicht barrierefrei“, sagte die Vorsitzende des Stadtseniorenrates. Und viele Toiletten in den Praxen hätten keinen Haltegriff. Auch die gut gemeinten Fahrradwege stellten oftmals eine Gefahr für Ältere dar. Nicht nur, weil viele Radler darauf besonders schnell fahren. Die Radwege würden auch die Bürgersteige schmaler machen. „Wenn dann noch die Geschäfte ihre Auslagen rausstellen, wird es für Ältere mit Rollator eng“, so Krausnick-Horst. Den städtischen Altersplan hält sie hingegen für einen „Meilenstein“. In früheren Plänen sei es noch viel um soziale Fürsorge und Pflege gegangen. Dass jetzt auch der Bürger selbst einbezogen werde, sei neu und zukunftsweisend. Allerdings stelle sich die Frage, was die Stadt überhaupt finanzieren könne.
Mit dieser Frage beschäftigt sich auch Rupert Kellermann, Bezirksvorsteher von Stuttgart-Süd. „Wenn man gute Ideen und Pläne hat, wird man überall mit offenen Armen empfangen“, so Kellermann. Doch die Finanzierung ist und bleibt schwierig. Als ehrenamtlicher Bezirksvorsteher sei es gewissermaßen sein „Hobby“, ständig nach Geld zu suchen. „Für einen Bordstein, der abgesenkt werden muss, finde ich es vielleicht noch“, so Kellermann. Für eine barrierefreie Rampe zur Stadtbahn könne dies schon länger dauern – zu lange für die Älteren von heute. „Ein neues Problembewusstsein“ forderte Kellermann daher auch von den Planern und Architekten. Diese würden ihre Bauvorhaben immer noch nicht aus der Sicht von Senioren durchdenken.
Ein neues Bewusstsein schaffen, Ängste abbauen
Ein neues Bewusstsein insbesondere für das Thema Demenz zu schaffen, dieses Ziel hat sich ein neues Projekt im Stuttgarter Westen gesetzt. Ehrenamtliche „Demenzlotsen“ informieren im Stadtteil über die Krankheit, etwa bei Geschäften, Banken, Apotheken oder Schlüsseldiensten. Sie werben um Verständnis für die Betroffenen und geben Tipps, wie die Mitarbeitenden mit demenzkranken Kunden umgehen können. Das Projekt hat die eva gemeinsam mit vielen Partnern im Stadtbezirk initiiert. „Unser Ziel ist es, die Angst und die Abwehr gegenüber der Demenz abzubauen, indem wir mit Information und positiven Bildern entgegenwirken“, sagte Günther Schwarz, der als Bereichsleiter bei der eva auch für die Demenzlotsen zuständig ist.
Auch die Pflege- und Wohnangebote müssten vielfältiger werden. „Dazu werden künftig Demenzdörfer genauso gehören wie kleinräumige Pflege-WGs“, so Schwarz. Demenzdörfer sind Pflegeeinrichtungen, denen man dies nicht auf den ersten Blick ansieht: Die Demenzkranken leben hier in einer dorfähnlichen Anlage in betreuten Gruppen. „Früher wollte man diese Ghettoisierung nicht“, so Schwarz. Doch er warnte davor, das Thema zu ideologisieren. „Wir müssen vielmehr genau hinschauen: Was brauchen wir in der Praxis?“ Da könne es nicht nur eine Antwort geben. Denn: „Demenzkranke sind sehr unterschiedlich.“
„Die Tür in den Pflegedschungel öffnen“
Dies trifft auch auf Pflegebedürftige insgesamt zu. Eine zentrale Anlaufstelle für alle Fragen rund um die Pflege sind die beiden Stuttgarter Pflegestützpunkte, die vor einem Jahr eingerichtet wurden. „Wir öffnen die Tür in den Pflegedschungel und lotsen die Ratsuchenden durch das komplizierte System“, erklärte Ursula Karle, die den Pflegestützpunkt für die Stuttgarter Innenbezirke leitet. Nicht immer jedoch sei die Nachfrage durch die bestehenden Angebote gedeckt. Was es noch nicht ausreichend gebe, seien beispielsweise ambulante Versorgungs-Angebote für ältere Menschen mit Migrationshintergrund, so Karle.
Was brauchen die Menschen im Quartier tatsächlich? „Diese Frage hört sich vielleicht banal an, ist aber schwer zu beantworten“, sagte Alexander Gunsilis. Zwar habe die Stadt genaue Zahlen über die Altersstruktur in den Quartieren. „Aber viel wichtiger ist es, die Betroffenen selbst zu fragen.“ Daher plant die Stadt eine repräsentative Umfrage bei der Generation 50 plus. Die Ergebnisse werden in die Altersplanung einfließen. Gunsilius warnte aber vor zu großen Erwartungen. Quartierskonzepte seien nicht die Lösung, sondern ein Mosaikbaustein, um den demographischen Wandel zu bewältigen. „Und die Umsetzung muss nicht immer gleich der große Wurf sein.“ Es sei unrealistisch, gleich alles flächendeckend zu verbessern. „Vieles kann zunächst auch ein Provisorium sein, etwa ein ehrenamtlich geführter Nachbarschaftstreff.“



