05. April 2011
"Tour de Gemeindepsychiatrie": Ängste und Vorurteile abgebaut
Psychische Erkrankungen sind auf dem Vormarsch. Sie machen vor keiner Altersgruppe Halt. Bereits ein Viertel aller über 65-jährigen leidet an Depressionen. Da ist es gut zu wissen, dass die Menschen in Stuttgart flächendeckend von den Gemeindepsychiatrischen Zentren (GPZ) betreut werden. Wer nicht zu den Betroffenen gehört, macht meist einen großen Bogen um diese Einrichtungen. Deshalb ist es sinnvoll, hinter die Kulissen zu schauen. Welche Arbeit leisten die Dienste eigentlich und wie nah sind uns psychische Erkrankungen? Antworten wurden am 2. April bei einer Bustour durch die Gemeindepsychiatrie der Landeshauptstadt gegeben. Diese wurde vom Gemeindepsychiatrischen Zentrum Stuttgart-Vaihingen der eva in Kooperation mit der Volkshochschule Stuttgart durchgeführt.
Friedrich Walburg, eva-Abteilungsleiter der Dienste für Seelische Gesundheit (im Bild in der Mitte), konnte an dem sonnenreichen Samstag vierzig Teilnehmende begrüßen. Unter ihnen waren Ehrenamtliche und solche, die sich dafür interessierten – und auch Betroffene, die bereitwillig über ihre Erfahrungen mit einer psychischen Erkrankung und ihre Gefühle gesprochen haben.
Fünf Einrichtungen öffneten ihre Türen. Sie bewirteten die Gäste freundlich und gaben ihnen viele Informationen mit auf den Weg.
Im Gelenkbus durch die sozialpsychiatrische Landschaft
Erstes Ziel der Sonderfahrt in einem SSB-Gelenkbus durch die Gemeindepsychiatrie war das Bürgerhospital, Klinik für Spezielle Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie. Auf der Weiterfahrt im Bus informierten Kirsten Wolf und Birgit Claaßen, die Initiatorinnen der Tour, die Mitfahrenden über das Bordmikrofon über die Krankheitsbilder. Im GPZ Freiberg schaute sich die Reisegruppe in der Tagesstätte um und erfuhr alles über das Arbeitsprojekt, bei dem viele nützliche und schöne Gegenstände von Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen hergestellt werden. Weiter ging es zum Krisen- und Notfalldienst in die Furtbachstraße.
Beim Mittagessen im GPZ Vaihingen hatten die Teilnehmenden bereits etliche Fragen gesammelt. Begriffe wie Betreutes Wohnen oder Sozialpsychiatrischer Dienst sind Fachleuten und Klienten gleichermaßen vertraut. Außenstehende erkennen die Bedeutung erst, nachdem sie praktische Beispiele vermittelt bekommen.
Die Tische im Café Fröschle des GPZ Birkach waren mit Gerbera-Blüten dekoriert. Die Gäste erfuhren, dass Gerbera in Stuttgart nicht nur eine botanische Bedeutung hat. Es ist die Abkürzung für den Gerontopsychiatrischen Beratungsdienst. Rosemarie Katz (links im Bild) erläuterte: "Zu uns kommen Menschen mit Depressionen, wahnhaften Erkrankungen oder Ängsten". Ziel sei es, die älteren Menschen möglichst lange in ihrem eigenen häuslichen Umfeld wohnen zu lassen.
Schulprojekt nimmt Vorurteile gegenüber psychisch Kranken
"Manchmal laufen mir die Tränen, und ich weiß nicht warum. Dann fühle ich mich erschöpft wie nach einen Marathonlauf." So anschaulich erklärte Dieter Siegle im Café Fröschle des GPZ Birkach seine Depressionen. Er hat sie weitgehend im Griff, ist gesund und stark genug, eine Selbsthilfegruppe zu leiten und nimmt ebenso engagiert am eva-Schulprojekt "Verrückt? Na und!" teil. Bereits jungen Menschen sollen Unsicherheiten und Vorurteile gegenüber psychisch Kranken genommen werden. Die Schülerinnen Bianca und Sarah vom Neuen Gymnasium Feuerbach gehörten zu den begeisterten Fahrgästen der Bustour. Sie werden darüber in ihrem Psychologie-Kurs berichten.
Dieter Siegle brachte abschließend das Fazit der Rundreise auf den Punkt: "Man muss die Einrichtungen gesehen haben, um zu verstehen, was dahintersteckt."




