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Viel Neues in den Stuttgarter Kindertagesstätten

Die Pisa-Studien haben die Defizite des deutschen Bildungssystems deutlich aufgezeigt. Nicht zuletzt deshalb sind vielerorts Überlegungen in vollem Gange, wie schon im vorschulischen Bereich die richtigen Grundsteine gelegt werden können. Grund genug, dass sich der Treff Sozialarbeit der eva am Donnerstag, 19. Oktober, mit „Bildung und Erziehung in Tageseinrichtungen für Kinder“ beschäftigte. Schließlich, so Jürgen Armbruster, Abteilungsleiter der Dienste für seelische Gesundheit, würden schon hier „Startplätze im Rennen um die sozialen Positionen“ vergeben. Weg vom „Aufbewahrungsort und Schauplatz des unbeschwerten Spiels“ entwickelten sich die Einrichtungen derzeit. Der Treff wollte Aspekte der Debatte, die konkrete Umsetzung und die politischen Rahmenbedingungen beleuchten.

Im vergangenen Jahr hat die Landesregierung den Orientierungsplan vorgestellt und gleichzeitig den Startschuss für die Erprobungsphase gegeben. Christine Stümpfl-Berrer vom Stuttgarter Caritasverband stellte das Projekt vor. Die Expertin berichtete den rund vierzig Besuchern im Stuttgarter Bischof-Moser-Haus von „teilweise heftigen Auseinandersetzungen um Inhalte“ des Orientierungsplans. Kein Wunder, waren doch bei der Formulierung Träger, Ministerien, Gewerkschaften und politische Parteien im Boot, alle mit unterschiedlichen Schwer- und Standpunkten. Jetzt, in der Pilotphase, würde der Plan überprüft. Das „Herzstück“ des Orientierungsplans sei der Teil, in dem die konkreten Ziele und Instrumente beschrieben sind. Die richten sich an die Altersstufen zwischen drei und sechs Jahren, enthalten verbindliche Zielsetzungen genauso wie Gestaltungsspielräume für die Erzieherinnen vor Ort. „Wir wollen die Kinderperspektive stärken“, sagte Christine Stümpfl-Berrer. Das Spiel sei die elementare Lernform, die Bewegung der Motor dafür. „Die Fachkräfte sehen die Kinder als Entdecker, Philosophen, Dichter oder Forscher“, so die Expertin. Gleichzeitig aber kämen auf die Mitarbeitenden zusätzliche Aufgaben zu. Genau würden die Kinder beobachtet, die Erkenntnisse schriftlich dokumentiert – ein unerlässlicher Schritt, will man die folgenden Schritte planen und die Erfolge festhalten.

Das konstruierende Kind

Ganz ähnlich die Aussagen von Angelika Friedrich vom Jugendamt der Stadt. Schon seit einiger Zeit arbeiten die städtischen Kindergärten daran, ihr Profil den gestiegenen Anforderungen anzupassen. „Bildungseinrichtung mit Betreuungsauftrag statt Betreuungseinrichtung mit Bildungsauftrag“, umriss die Referentin das Ziel. Dabei baut sie auf das so genannte Einstein-Projekt; das wiederum wird vom Berliner Institut infans, renommiert für seine Ansätze in der Frühpädagogik, wissenschaftlich begleitet. Derzeit testen die Organisatoren an acht Kindertagesstätten, bald sollen es 19 sein, schließlich sollen alle 180 städtischen Einrichtungen der Landeshauptstadt nach dem neuen Modell arbeiten.
Das „konstruierende Kind“ heißt das neue Leitbild. Will heißen, dass Wissen nicht „wie mit einem Trichter“ verabreicht wird, sondern das Kind selbst seine Schwerpunkte findet, sich in der Welt orientiert. Die Aufgabe der Fachkräfte ist, die richtigen Ansatzpunkte, Interessengebiete und Impulse zu finden und zu geben, die das Kind gerne aufgreift. Das geschieht nicht nach Gefühl, sondern wird gewissenhaft dokumentiert und in einem „Portfolio“ festgehalten – jedes Kind hat sein eigenes.
Auf den Arbeiten der neuseeländischen Erziehungswissenschaftlerin Margarete Carr basiert der Ansatz, den derzeit der Dachverband der Stuttgarter Eltern-Kind-Gruppen verfolgt. Manuela Newerla beschrieb Methoden, die denen ihrer Vorrednerinnen ähnlich sind. Die Kindertagesstätte solle eine „lernende Gemeinschaft“ sein. „Beobachtung und Dokumentation sind die neue Form der Aufmerksamkeit“, sagte die Referentin.

Bildungsplan für Religionserziehung

Pfarrer Johannes Bröckel schlug ein neues Kapitel auf. Schon früh habe sich der Evangelische Stadtverband mit der Qualitätsentwicklung befasst. Vor vier Jahren habe man einen eigenen Bildungsplan vorgelegt, der sich mit der Religionspädagogik beschäftigt. „Mit heftigen Reaktionen“, wie sich der Pfarrer erinnert. So hätten manche vermutet, das Werk sei Ausdruck für die Krise der Kirche. „Aber die Umstände haben sich verändert, durch die Vielfalt der Angebote gibt es viel Unsicherheit.“ Davon seien auch Erzieherinnen und Eltern nicht ausgenommen, die sich oft selbst über ihren Glauben nicht recht im Klaren seien und das Gespräch darüber lieber ausließen.
Dabei, so Bröckel, wendeten sich Kinder „fast automatisch“ religiösen Themen zu. „Wo wohnt Gott, gibt es ein Leben nach dem Tod, warum sterben manche Menschen früh“ – Fragen, die Kinder stellen. „Und sie haben ein Recht auf Antworten, ich würde sogar sagen: Sie haben ein Recht auf Religion“, so Bröckel. In biblischen Geschichten würden sich Kinder oft wieder erkennen, sie könnten ein „Schutzfaktor“ sein, genauso wie Familie oder Freunde.

Das Ziel: Keine Zurückstellung

Weltlich dagegen das Konzept „Schulreifes Kind“, dass Peter Burkhardt, Schulleiter und Beauftragter des Regierungspräsidiums, erläuterte. Das Ziel ist einfach umrissen. Der Ansatz, im vergangenen Jahr von Ministerpräsident Günther Oettinger vorgestellt, soll Kinder, die vom Kindergarten in die Schule wechseln, vor der Zurückstellung bewahren. Das setzt freilich voraus, sie bereits eineinhalb Jahre vor ihrer Einschulung untersucht werden. Zeichnen sich Defizite ab, wird das Kind für eine „Präventivklasse“ vorgeschlagen, ein zusätzliches Angebot mit einer speziellen Förderung. Derzeit läuft das „Schulreife Kind“ an fünfzig Modellstandorten im Land, darunter allein fünf Stuttgarter Schulen.
Viele Ansätze also, die die Arbeit in den Kindertagesstätten in den kommenden Jahren merklich verändern dürften. Wie lebhaft die Diskussion ist, belegten auch zahlreiche Nachfragen beim Treff. So fragte eine Besucherin nach der Rolle und den Pflichten der Eltern. Eine andere Bemerkung zielte darauf, dass die Modelle zwar ein schönes Bild zeichneten, jedoch an den Lebensrealitäten an vielen Schulen, in vielen Familien oder Stadtteilen vorbei zielten. Mangelnde Deutschkenntnisse etwa oder die angespannte finanzielle Situation mancher Eltern seien kaum zur Sprache gekommen. Christine Stümpfl-Berrer räumte ein, dass nach wie vor viele Fragen im Raum stünden. „Den Stein der Weisen haben wir noch nicht gefunden, aber Schuldzuweisungen bringen uns nicht weiter. Wir müssen uns aber weiter gegenseitig unterstützen und helfen, um unserem hohen Anspruch gerecht zu werden.“