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Mit Ewa Grabowska kommt das Glück zurück
Mit freundlicher Genehmigung der Stuttgarter Zeitung, Ausgabe vom 15. September 2005
Die Evangelische Gesellschaft (Eva) in Stuttgart ist 175 Jahre alt geworden. Statt zu feiern, zeigt sie lieber Firmen aus der Region, wie wichtig ihre Angebote sind. Die StZ stellt verschiedene Dienste in einer Serie vor. Heute: die Erziehungshilfen in Stuttgart-Mitte.Von Christine KeckDie Angst hält Mustafa nachts stundenlang wach. Sie lässt sich nicht ausschalten wie eine Schreibttischlampe. Um sich abzulenken greift der Zwölfjährige zu einem Buch, liest heimlich unter der Bettdecke, denn die Schwester liegt gleich gegenüber im selben Zimmer. Das Lesen macht müde, so müde, dass Mustafa irgendwann vor Erschöpfung einschläft. Und dann frisst sich die Angst in die Träume hinein.
Als Mustafa acht Jahre alt war, da ist es passiert. Ein Verkehrsunfall, bei dem sein Vater starb. Der wollte seinen Sohn am Wochenende in der Wohngruppe eines Heimes besuchen. Die Mutter hatten die Behörden nach Polen abgeschoben, der türkische Vater, ein betagter Mann, der es nicht gewohnt war, sich um den Haushalt zu kümmern, konnte den in Deutschland geborenen Jungen nicht alleine versorgen. Die Nachricht vom Tod des Vaters hat Mustafa lange nicht glauben können. Fotos und Zeichnungen von ihm hängen im Kinderzimmer über dem Schreibtisch. Der Sohn schaut seinem Vater jeden Tag in die Augen.
Die politischen Verhältnisse haben es gut gemeint mit Mustafa. Der Beitritt Polens zur Europäischen Union hat sein Leben schlagartig verändert - seine Mutter und die Schwester Anna durften nach Deutschland ausreisen, Mustafa konnte seine Wohngruppe verlassen. Die Familie hat sich wiedergefunden, lebt zu dritt in einer kleinen Wohnung in Stuttgarts Stadtmitte.Auf das erste Glückserlebnis folgte bald ein zweites - als Ewa Grabowska eines Tages anklopfte. Die Sozialarbeiterin von der Erziehungshilfe der Eva wurde mit offenen Armen empfangen. Sie ist gebürtige Polin, wie Mustafas Mutter, und findet für so ziemlich jedes Problem eine Lösung oder versucht es zumindest. Sie schlägt die sprachliche Brücke auf dem Sozialamt oder auf dem Ausländeramt, vermittelt Kontakte zu anderen Familien, sucht einen Therapieplatz für Mustafa und berät die fünfzehnjährige Hauptschülerin Anna in beruflichen Fragen.

"Unser Engel", sagt Mustafas Mutter und begrüßt die Helferin mit Apfelkuchen und Kaffee. Ewa Grabowska kommt mindestens fünf Stunden die Woche und gehört fast zur Familie, auch wenn das mit den Grundsätzen ihrer Arbeit nicht so ganz vereinbar ist. Ihr Ziel ist, sich nach und nach zurückzuziehen, schließlich geht es darum, die Selbständigkeit und Unabhängigkeit der Familie zu fördern. Dazu braucht es einen festen Job für die Mutter, die schon in Polen als Köchin gearbeitet hat. Dazu muss ein Netzwerk an Freunden aufgebaut werden. Und Mustafa soll in einer Theatergruppe mitspielen. Ewa Grabowska ist optimistisch, dass sie in einigen Monaten zum Apfelkuchenessen kommen kann. Und dann werden nicht Probleme gewälzt, sondern es wird geplaudert.
Nicht alle Familien haben eine so gute Prognose. Manchmal droht die Unterstützung an der Türe zu scheitern, wenn die Helfer nicht hereingelassen werden. Zu ihrer Klientel zählen Bedürftige vom Babyalter bis zur Volljährigkeit, häufig wird die ganze Familie in die Begleitung miteinbezogen. In vielen Fällen gibt das Jugendamt den entscheidenden Hinweis, dass etwas im Argen liegt und das Wohl eines jungen Menschen gefährdet ist.
Das kann von Schlägen und Misshandlungen bis zu einem unerträglichen psychischen Druck reichen, mal geht es um Scheidungsdramen, mal spielen Alkoholsucht oder Beziehungsschwierigkeiten der Eltern eine Rolle. Wenn nötig, werden die Kinder aus der Familie geholt und in Wohngruppen oder anderen Wohnformen untergebracht. Es gibt Hilfen mit täglichen Kontakten - bei einer minderjährigen Mutter mit einem Säugling - oder solche, wo alle paar Wochen ein Gespräch in der Anlaufstelle in der Esslinger Straße genügt. ¸¸Die Eltern müssen kooperieren, um die lästigen Helfer wieder loszubekommen", sagt die Abteilungsleiterin Regina Weißenstein und bringt es auf den Punkt.
Neben Ablehnung erleben die Eva-Mitabeiter auch dankbare Eltern, die es allein nicht mehr schaffen, mit ihren Kindern fertig zu werden. Viele Väter und Mütter seien trotz bester Absichten einfach nicht in der Lage, die Erziehung ohne fremde Unterstützung zu bewältigen, erzählt Weißenstein. Die seien froh, um die gezielte Einzelförderung, die vom Jugendamt finanziert wird.
Die Evangelische Gesellschaft hat zum Jubiläum Paten für die einzelnen Einrichtungen gesucht. Für die Hilfen zur Erziehung spendet Daimler-Chrysler.
(c) 2005 Stuttgarter Zeitung




