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Eine andere Welt für Manager
Mit freundlicher Genehmigung des Evangelischen Pressedienstes, 16. September 2005
Stuttgart (epd). Höflich verabschiedet sich die junge Frau von den Gästen. Die sind angetan von ihrem freundlichen und fröhlichen Auftreten. Das steht im Widerspruch zu ihren Lebensumständen. Die 21-Jährige braucht Unterstützung. Dies hat sie bei den Hilfen für Erziehung in Stuttgart gefunden. Führungskräfte von DaimlerChrysler haben sich jetzt bei einem Besuch über die Arbeit des Dienstes der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (eva) informiert.
Anlass für den Besuch ist das 175-jährige Bestehen der eva in diesem Jahr. Zum Jubiläum hat die Stuttgarter Diakonie Mitarbeiter von Unternehmen in die Einrichtungen eingeladen, für die diese Firmen als Paten spenden. "Wir haben eine ganz andere Welt kennen gelernt und völlig andere Lebensverhältnisse gesehen als in unserem Alltag", fasste einer der Daimler-Manager seine Eindrücke zusammen.
Man könne sich viel zu wenig um solche Probleme kümmern, weil alle im Alltag eingespannt seien. Am Ende des Tages wirkten die Gäste nachdenklich. "Wir leben in einer heilen Welt", räumte ein Besucher ein. Viel Anerkennung erhielten die Erziehungshelfer. Wie mühevoll, aufwendig und manchmal frustrierend die Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen ist, wurde manchem erst vor Ort klar.
Da ist zum Beispiel die 21-Jährige. Mit ihren langen blonden Haaren sieht man ihr die türkische Abstammung nicht an. Doch die ist gerade die Ursache ihrer Probleme. Weil ihr Zwangsverheiratung drohte, ist sie mit 13 Jahren von zu Hause ausgerissen, hat die Schule abgebrochen und offenbar jahrelang auf der Straße gelebt.
Mit einer Drückerkolonne ist sie Anfang des Jahres nach Baden-Württemberg gekommen. Durch Vermittlung der Erziehungshilfen hat sie eine Wohnung bekommen und wird psychologisch betreut. Von ihrem Vater ist die junge Frau, die Brandwunden am ganzen Körper hat, offenbar schwer misshandelt worden.
Ihre einzige Chance sieht die Sozialpädagogin, die sie betreut, in einer stationären Therapie, wo sie den Hauptschulabschluss nachholen kann. "Ohne dauerhafte therapeutische Unterstützung schafft sie es nicht." Doch sie habe große Angst vor der Enge und scheue sich noch.
Über das Stuttgarter Jugendamt werden Kinder und Jugendliche an den Dienst der eva vermittelt. Sie leben in schwierigen Problemfamilien, in denen oft Gewalt herrscht. Frustrierend ist es für die Betreuer, wenn sie machtlos zusehen müssen, wie zum Beispiel alkoholabhängige Eltern nicht von ihrer Sucht lassen wollen und die Kinder darunter leiden. Oft setze sich das Verhalten über Generationen fort. Doch aussichtslose Fälle seien zum Glück die Ausnahme.
In vielen Fällen würden die Betreuer jedoch auf Einsicht stoßen. Da lernen Jugendliche in einer Art "verspäteten Erziehung durch verlässliche Kontakte", mit Geld umzugehen. Eltern tragen ihren Streit nicht mehr vor den Kindern aus oder machen eine Suchttherapie. Bei den Erziehungshilfen der eva in Stuttgart arbeiten 16 pädagogische Fachkräfte. Sie betreuten 2004 insgesamt 126 junge Menschen aus 80 Familien.
Rainer Lang
(c) 2005 epd




