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Eine letzte Heimat für obdachlose Menschen

Mit freundlicher Genehmigung der Stuttgarter Zeitung, Ausgabe vom 4. August 2005

Die Evangelische Gesellschaft (Eva) in Stuttgart ist 175 Jahre alt geworden. Doch statt zu feiern, lädt die Eva Unternehmen in ihre Einrichtungen ein. Die StZ dokumentiert diese Aktionstage und stellt die Dienste vor. Heute: das Wichernhaus für pflegebedürftige Obdachlose.Von Thomas FaltinZuletzt ging es einfach nicht mehr. Andreas K. (Namen der Bewohner geändert) hat lange in einem Zimmer ohne Toilette und Dusche gewohnt - er wusch sich kaum noch und verwahrloste, seine Alkoholsucht nagte an der Gesundheit. Auch die Diät, die er wegen der operativen Entfernung eines Teils des Magens hätte zu sich nehmen müssen, hielt der 63-Jährige nicht ein. Es stand so schlecht um Andreas K., dass das Heim zur letzten Lösung wurde. Seine Betreuerin vermittelte ihn ins Wichernhaus in Kaltental, dieser in Stuttgart einzigartigen Einrichtung für pflegebedürftige Menschen, die in schwierigen Wohnverhältnissen oder auf der Straße gelebt haben. Heute geht es Andreas K. besser: Er pflegt sein Äußeres, die regelmäßigen Mahlzeiten haben die Gesundheit gestärkt.

Das Wichernhaus ist im Jahr 1992 eröffnet worden. Damals war es immer stärker zum Problem geworden, dass ältere verarmte und oft auf der Straße lebende Menschen pflegebedürftig wurden - doch nirgendwo konnten sie angemessen versorgt werden, da ¸¸normale" Pflegeheime mit der Alkoholsucht und der sehr individuellen Lebensform dieser Menschen überfordert waren. Das Wichernhaus mit seinen 48 Plätzen hat diese Lücke gefüllt. Doch bis heute kann es die Nachfrage in Stuttgart nicht ganz befriedigen: Etwa zehn bis 15 Personen stünden permanent auf der Warteliste, sagt die Sozialpädagogin Heike Schmid-Mühlig.

In manchem unterscheidet sich das Wichernhaus stark von anderen Pflegeheimen. So liegt beispielsweise das Durchschnittsalter der Bewohner bei 63 Jahren - die Menschen im Wichernhaus haben allesamt aufreibende Zeiten erlebt und sind sowohl körperlich als auch geistig früh gealtert. Auch besitzen die wenigsten Bewohner noch ihre Angehörigen, weshalb die Mitglieder des Freundeskreises, die regelmäßig in das Haus kommen, umso wichtiger sind. Daneben sind die meisten Bewohner verarmt und leben von Sozialhilfe - sie bekommen deshalb als Heimbewohner im Monat gerade einmal 89 Euro Taschengeld ausbezahlt. Und auch das verwalten oft die Mitarbeiter des Heimes.

Den Ehrgeiz, die Menschen von ihrer Alkoholsucht zu kurieren, hat das Wichernhaus nicht mehr. Feste Spielregeln gehören aber dazu - so ist Alkohol nur auf den Zimmern erlaubt. Und die Mitarbeiter teilen auch das Taschengeld so ein, dass es bis zum Monatsletzten für das Bier reicht. Dadurch ließen sich viele Frustrationen und Konflikte vermeiden, erzählt die Pflegedienstleiterin Christine Reimer. Zumal vielen nach Jahrzehnten des Alkoholkonsums zwei Bier am Tag reichen, um den Suchtpegel zu halten.

Aber nicht nur deshalb sind die meisten Bewohner im Wichernhaus zur Ruhe gekommen. Denn viele können hier erstmals wieder aufatmen nach Jahren der Einsamkeit, Angst und Überforderung: Auch Günther F. war nach dem Tod seiner Frau und nach dem Verlust seines Jobs als Fernfahrer viele Tage nur noch im Wirtshaus gesessen und hatte sich zunehmend isoliert: ¸¸Ich war ganz alleine - da ziehe ich das Wichernhaus vor", sagt Günther F. In der Tat wird den Bewohnern manche Sorge des Alltags abgenommen. Allein die regelmäßigen Zeiten für die Mahlzeiten und das Angebot an kleineren Ausflügen vermitteln den Menschen etwas, was sie oftmals lange Jahre nicht besessen haben: eine Tagesstruktur.

So soll das Wichernhaus diesen Menschen ihre Würde zurückgeben und ihnen ein Zuhause werden. Allerdings, auch das wissen die Bewohner nur zu gut, ist es für die meisten auch die letzte Heimat. Aus dieser Ambivalenz aus neuer Heimat und letzter Lebensstation speist sich das Lebensgefühl vieler Bewohner. Geredet werde darüber aber eher selten, meint Heike Schmid-Mühlig: Denn viele haben sich im harten Daseinskampf eine dicke Elefantenhaut zulegen müssen und tun sich jetzt schwer, über ihre Gefühle zu reden. Im Wichernhaus aber werden sie als Person respektiert. Und zwar bis über den Tod hinaus: Vor kurzem ist im Friedhof von Kaltental ein Gedenkstein für die verstorbenen Bewohner des Heimes aufgestellt worden. Für jeden Verstorbenen legen die Mitarbeiter einen Stein mit Namen in die Höhlung - so bleibt er präsent.

Die Evangelische Gesellschaft hat zum Jubiläum Paten für die einzelnen Einrichtungen gesucht. Am heutigen Donnerstag besuchen Mitarbeiter der Softwarefirma All for one das Gradmann-Haus für Demenzkranke und das Wichernhaus. Die Firma hat der Eva auch einen namhaften Betrag gespendet.


(c) 2005 Stuttgarter Zeitung

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