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Ob reich oder arm: Jeder verdient Fürsorge im Alter
Mitarbeitende des Systemhauses All for One am 4. August an eva’s Festtafel
Man kann auf sehr unterschiedliche Weise alt werden: Reich oder arm, geistig gesund oder krank. Wer im Gradmann-Haus von eva in Stuttgart-Kaltental seinen Lebensabend verbringt, leidet unter Demenz. Zuvor ist das Leben der Bewohner erfolgreich und geordnet verlaufen. Denn sie und ihre Angehörigen sind in der Lage, für die Pflege und Betreuung in diesem Zentrum für Demenzkranke aufzukommen.

- Pfarrer Ulrich Dreesman organisiert die Festveranstaltungen im Jubiläumsjahr. Er begrüßte die Gäste im Gradmann Haus.
Gegenüber vom Gradmann-Haus steht das Wichernhaus. Hier finden Menschen, die oft jahrelang auf der Straße gelebt haben, die letzte Zuflucht ihres Lebens. Die Bewohner sind arm. Sie sind körperlich und geistig früh gealtert. Viele haben alkoholische Abgründe durchlebt. Der Gedanke an eine sichere Altersvorsorge blieb auf der Strecke. In diesem einzigen Altersheim für ehemals Obdachlose im Lande erhalten sie nicht nur Pflege und Fürsorge: Hier ist ihre Würde unantastbar.
Die Lebenswege der alten Menschen in beiden Heimen sind denkbar verschieden. Ihre Betreuerinnen und Betreuer freuen sich sehr darüber, dass das erfolgreiche Systemhaus All for One aus dem oberschwäbischen Oberessendorf im Jubiläumsjahr der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart eine Patenschaft für beide Häuser übernommen hat. Das Motto lautet: Fürsorge im Alter.

Die IT-Fachleute, die sich mit ihrem Vorstand Uwe Schneider über die beiden Einrichtungen informieren, horchen auf. „Jeder zweite von ihnen hat die Chance, demenziell zu erkranken“, erklärt Thomas Peter. Der Abteilungsleiter Dienste für ältere Menschen informiert die Paten über die Beeinträchtigungen der Menschen, denen sie an diesem Nachmittag begegnen werden. Die Information, dass demenzielle Erkrankungen in Deutschland dramatisch zunehmen werden und vor ihrem Ausbruch eine Vorlaufzeit von 25 Jahren haben, macht betroffen.
Im Café des Gradmann Hauses riecht es nach Kaffee, Kuchen, frischem Brot und Sonnenblumen. Inmitten dieser so genannten Erinnerungsinseln singen die Teilnehmer der Tagespflege gerade ein Volkslied. Die Gäste setzen sich dazu. Einige ältere Leute nehmen keine Notiz von ihnen, andere lächeln den Besuchern freundlich zu. Die erfahren jetzt, dass die Demenzkranken hier von 10 bis 16.30 Uhr betreut werden. Dann geht es mit dem Bus nach Hause. Durch diese Form der Betreuung werden pflegende Angehörige entlastet.
Einige Bewohnerinnen der offenen Wohngruppe machen gerade ein Ballspiel. Sie schieben sich bunte Bälle quer über die Tischplatte zu. Aus dem Hintergrund erklingen Volksmusik und beliebte Schlagermelodien. Heimleiterin Ulrike Casinelli erläutert: „Musik ist der direkte Zugang zu den Herzen der Menschen.“ Von ihr erfahren die Paten auch, dass die Menschen hier an ihren Fähigkeiten und nicht an ihren Defiziten gemessen werden. Ein Mitarbeiter von All for One, der hin und wieder in Altersheimen zu tun hat, äußert sich begeistert von dem offenen Wohnkonzept.

„Mehr als IT. Menschen mit Bauch und Verstand“: So stellt sich das Systemhaus All for One in seiner Eigenwerbung dar. Wer die Paten an diesem Nachmittag erlebt hat, möchte den Begriff „Herzlichkeit“ hinzufügen. Das fällt im Speisesaal des Wichernhauses auf. Uwe Schneider und Wolfgang Jesberger, Entwicklungsleiter für Software im sozialen Bereich, unterhalten sich mit einigen Männern, denen man ansieht, dass sie harte Zeiten hinter sich haben. Ein 53-jähriger, der in jungen Jahren im Kohletagebau gearbeitet und schon immer zuviel Bergmannsschnaps getrunken hat, sitzt heute im Rollstuhl. Seine Beine, mit denen er früher durch Deutschland bis ins Berberdorf Esslingen von eva getippelt ist, tragen ihn nicht mehr. Nach einer Entziehungskur ist er ins Wichernhaus gekommen. Er hat keine familiären Kontakte mehr und erzählt, dass er sich über die Besuche des Freundeskreises aus der Kirchengemeinde freut. Ein anderer Mann, der sechs Geschwister hat, berichtet, dass er häufiger von einem Schwager zu einem Familienbesuch abgeholt wird. Während er spricht, zieht er an seiner selbst gedrehten Zigarette, die er sich vom knappen Taschengeld leistet. „Ich bin hier gut aufgehoben“, fügt er hinzu. Einige junge Programmierer basteln in der Zwischenzeit gemeinsam mit Bewohnern und Helfern Papiercollagen. Am Ende des Nachmittags führt Pfarrer Christian Lorösch von der Thomaskirche die Besuchergruppe auf den Kaltentaler Friedhof, wo ein Gedenkstein für die Verstorbenen des Wichernhauses steht.
An eva’s Festtafel werden die Eindrücke des Nachmittags diskutiert. Uwe Schneider richtet ein Lob an die Verantwortlichen. „Wie Sie das Jubiläum gestalten, gefällt uns sehr“, meint er und fügt hinzu „Es ist beeindruckend, mit welcher Sozialkompetenz und Liebenswürdigkeit die Mitarbeitenden von eva die Bewohner betreuen.“




