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"Mitleid hat hier keiner mit dem anderen"

Mit freundlicher Genehmigung der Stuttgarter Zeitung, Ausgabe vom 16. Juni 2005

Die Evangelische Gesellschaft (Eva) in Stuttgart ist 175 Jahre geworden. Statt zu feiern, zeigt sie lieber Firmen aus der Region, wie wichtig ihre Angebote sind. Die StZ stellt die verschiedenen Dienste in einer Serie vor. Heute: das Immanuel-Grözinger-Haus in Stuttgart-Rot.

Von Christine Keck

Die Todesanzeigen hängen am schwarzen Brett neben dem Speiseplan und den Jobangeboten. Solche Anzeigen sind hier fast so häufig wie in anderen Wohnheimen die Zettel zum Verkauf von Gebrauchtgütern oder Aushänge zur Müllabfuhr. "Es gab mindestens zehn in den vergangenen eineinhalb Jahren", sagt Thomas Wölfle (Foto), "viele der Toten habe ich gekannt". Besonders gesund sieht der 42-Jährige auch nicht aus: Furchen ziehen sich durch sein Gesicht, die Augen erzählen von den Jahren, als Wölfle täglich eine Flasche Schnaps und dazu eine Kiste Bier getrunken hat, der Körper ist ausgezehrt. Es ist zwölf Uhr mittags, und das Frühstück des Heimbewohners besteht aus Zigaretten.

Seine elf Quadratmeter im Immanuel-Grözinger-Haus hält Wölfle sauber. Viele Besitztümer, die Unordnung schaffen könnten, hat er sowieso nicht. Sein Habe passt in zwei Koffer. Das war nicht immer so: Früher hatte der Industriekaufmann eine Wohnung in Ditzingen, ein Auto und einen festen Job. "Ich habe alles versoffen", offenbart Wölfe mit einer Ehrlichkeit, die erstaunt. Nüchtern zählt er die Fehler auf, die er gemacht hat, und analysiert sein Leben, als habe er Psychologie studiert. Drei Entgiftungen und zwei Therapien hat er hinter sich, zog ins Haus im Süden, einer Einrichtung für suchtkranke Männer, und zog wieder aus. Probierte es in einer betreuten Wohngemeinschaft, scheiterte in der Caritas-Pension Silberburg.

Ganz oben im zwölften Stock wohnt Wölfle auf der "trockenen Etage". Nur Malzbier ohne Alkohol gönnt er sich - das ist nicht einfach in einem Haus, in dem viele der 140 Männer seit Jahren mit der Flasche leben. Im Aufzug schlägt Wölfle die Fahne der Trinker entgegen. Er muss sich zwingen, nicht zum Penny-Markt um die Ecke zu gehen, wo der Kräuterlikör im Regal ihn auf die Probe stellt. Die Versuchung ist immer da und die Konfrontation mit den Folgen auch: Manche der Bewohner lassen den Rollladen runter und sitzen fast 24 Stunden auf dem Zimmer, eingesperrt im Drogenkokon, ohne Interesse daran, was draußen passiert.

Die Zeit, als er apathisch auf seinem Bett saß und sich nicht traute, andere anzusprechen, hat Wölfle hinter sich. Er wirkt aufgeschlossen, macht mit beim Sonntagsfrühstück im Gemeinschaftsraum auf seinem Stock. "Mitleid hat hier keiner mit dem anderen", sagt er und zieht trotzdem nachts die Besoffenen aus Hecke vor dem Haus, wenn er dort einen liegen sieht. Er spricht von der Solidargemeinschaft derer, die unten angekommen sind, und hat selbst schon monatelang unter der Brücke geschlafen.

Von einer Zukunft zusammen mit seiner Freundin und ihrer Tochter spricht er auch, und dabei strahlt er Zuversicht aus. Er wirft seine blonde Mähne selbstbewusst zurück. Die Haare pflegt er wie für einen Schönheitswettbewerb. Weil er glaubt, dass Langhaarige leicht in die Schmuddelecke gestellt werden. Verwahrlosung und Chaos, das war früher. Heute nimmt Wölfle den Besen und kehrt, bevor die Besucher kommen.

Mit Hilfe der Sozialarbeiter des Heimes will er in den nächsten Monaten wieder raus. Das ist Konzept des Hauses. Die Hälfte der Bewohner sind Langzeitgäste - vor allem die älteren. Sie bekommen von der Bettwäsche bis zum Mittagessen alles serviert und bleiben Jahre. Die andere Hälfte sind Menschen wie Wölfle, die für sich selbst sorgen können und im teilstationären Bereich nur auf Zeit ein Zuhause finden. Auch Haftentlassene sind darunter, Obdachlose, die von der Straße wegwollen, oder Spielsüchtige, die aus ihrer Wohnung rausmussten, weil sie die Mieten nicht mehr zahlen konnten.

Die Bewohner bilden eine explosive Mischung, die manchmal zum Knall führt. "Dann kommt die Schmiere", wie Wölfle sagt, die Polizei greift ein, wenn die Aggression in Angriffen auf andere gipfelt. Dennoch hat Heimleiter Stefan Rücker in seinen Dienstjahren nur einmal eine schwere Körperverletzung mit Messer erlebt. "Es gibt rote Köpfe und Schreiereien, meistens nicht mehr."

(c) 2005 Stuttgarter Zeitung


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