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„Da merkt man erst, wie gut es einem geht…“
Patennachmittag von HERMA bei Menschen in Armut und Wohnungslosigkei

Dreizehn Stockwerke hat das Immanuel-Grözinger-Haus (IGH) in Stuttgart-Rot. 144 allein stehende Männer haben hier ein Zuhause. Die meisten von ihnen haben ein Alkoholproblem, lebten zuvor auf der Straße oder waren in Haft. Am frühen Nachmittag des 16. Juni erhalten sie ungewohnten Besuch. Eine Besuchergruppe der Firma HERMA aus Stuttgart-Wangen und Filderstadt-Bonlanden kommt ins Haus. Bei strahlendem Sonnenschein werden die Gäste von Heimleiter Stefan Rücker auf der Dachterrasse des Männerwohnheims begrüßt. HERMA hat im Jubiläumsjahr von eva die Patenschaft für das IGH übernommen. Jetzt erleben die 16 Besucher, darunter Firmenchef Manfred Minich, was das Motto der Patenschaft genau bedeutet: Sie begegnen „Menschen in Armut und Wohnungslosigkeit“. Fast sechs Stunden später bringt die nachdenklich gewordene Mitarbeiterin Andrea Schmandt ihre Empfindungen auf den Punkt: „Da merkt man erst, wie gut es einem geht.“
Die Firma HERMA gilt bei ihren Kunden im internationalen Markt für Selbstklebetechnik als Musterbeispiel für Perfektion, Zuverlässigkeit und modernste Technologie. Hier treffen also Menschen, denen Präzision über alles geht, auf solche, deren Leben gründlich durcheinander geraten ist. Wie wird diese Begegnung verlaufen? Zumindest sehr offen: Denn in dieser Firma gelten seit bald 100 Jahren evangelische Grundsätze. Und es gibt einen weiteren Grund, der sehr optimistisch stimmt. Der ehemalige Geschäftsführer Werner Röhm, Vorsitzender des HERMA-Beirats, ist auch Aufsichtsratsvorsitzender von eva.

Bereits beim Blick vom Hochhaus bemerken die Gäste, dass im angrenzenden Garten kräftig gearbeitet wird. Braun gebrannte, muskulöse Männer beugen sich über Gartenbeete, hacken und harken. Einer schleppt unermüdlich Gießkannen hin und her, um Dutzende von Setzlingen mit Wasser zu versorgen. Ein anderer lenkt den Strahl des Wasserschlauchs auf ein Hochbeet. Später erklären beide, dass hier sonst eine Sprinkleranlage eingesetzt wird. Damit die Besucher keine nassen Füße bekommen, setzt man heute auf die rücksichtsvolle, schweißtreibende Methode. Mittendrin führt Wolfgang Haag Regie. Der Suchtberater und talentierte Hobbygärtner erzählt, dass er das Gartenprojekt Ende 2003 gestartet hat. Heute gibt es auf dem Gelände der still gelegten Gärtnerei mehrfachen Erntesegen. Ein „harter Kern“ von 15 Männern findet anhaltende Freude an der Gartenarbeit. Anstatt lethargisch auf ihren elf Quadratmeter großen Zimmern zu sitzen, packen sie jetzt kräftig an. Ein weiterer Vorteil ist, dass hier der Griff zur Flasche untersagt ist. Obst und Gemüse werden von den Bewohnern des Hauses gerne gegessen. Schließlich erhalten die Männer nach getaner Arbeit auch eine Anerkennungsprämie. In Zeiten von Hartz IV ist das ein ordentlicher Anreiz. Das sieht auch Stefan Müller so. Seit zwei Jahren wohnt der Brandenburger auf der 8. Etage. Ein Jahr muss er noch warten, bis er einen Wohnberechtigungsschein erhält. Und den will er unbedingt haben. Nach getaner Arbeit gönnt er sich zwei Flaschen Bier aus dem Laden gegenüber. Jetzt, an der Kaffeetafel mit den Besuchern, greift er wie selbstverständlich zur Sprudelflasche.

Andere Männer zeigen unter Zeltdächern ihre Bastelarbeiten. Zur Gartenarbeit fehlt ihnen die Kraft: Der Alkohol und das Leben auf der Straße hinterlassen eben deutliche Spuren. Die von den Betreuerinnen zur Verfügung gestellten Materialen setzen sichtbar reichlich Kreativität frei. Davon zeugen Mandalas, Holztiere, Mobiles und die geschmackvollen, selbst hergestellten Papierblumen auf den Tischen ringsum. Die Gäste sparen nicht mit Lob.

Im Laufe des Nachmittags hören die Paten Begriffe, die ihnen fremd waren. So ist von teilstationärem und betreutem Wohnen und vom „trockenen“ Stockwerk die Rede. Einige nehmen interessiert an einer Stockwerksbegehung teil. Nachher sind sie von den Lebenswegen, aber auch von individuellen Stärken der Bewohner beeindruckt. Es stellt sich heraus, dass viele Männer ein ähnliches Schicksal erlebt haben. Auf die Scheidung folgte der Verlust des Arbeitsplatzes, dann kam die Wohnungskündigung. Am Anfang und am Ende waren Alkohol oder Drogen im Spiel. Nun müssen sie die Konsequenzen ausbaden und feststellen, wie schwer es ist, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Auch bei der Firma HERMA haben Alkoholkranke keine Chance. Angetrunkene Mitarbeiter wären in der Firma fehl am Platz. Sylvia Wirth, Assistentin der Geschäftsleitung, ist Suchtbeauftragte und hört an diesem Nachmittag sehr genau hin, als es um die Hilfen für Betroffene geht. HERMA-Personalreferent Christoph Gonsior ist aber klar: „Schneiden Sie einem Mann die Haare und stutzen seinen Bart. Stecken Sie ihn in einen Anzug und wenn er dann beim Einstellungsgespräch noch gut riecht, stellen Sie nicht fest, dass Ihnen ein Alkoholiker gegenüber sitzt.“
Pfarrer Martin Frey von der Auferstehungskirche lädt die Besucher zu einem Spaziergang durch den Ort ein, wobei die sozialen Defizite und fortschrittliches Bürgerengagement deutlich werden. Das IGH nimmt aktiv am Leben im Quartier teil. Nach so vielen Eindrücken wird es Zeit für eva’s Festtafel.

Etliche Bewohner sitzen bereits mit erwartungsvollen, teils skeptischen Blicken an den Tischen. Man gewinnt den Eindruck, dass sie heute besonderen Wert auf ihr Äußeres legen. Bevor die Tafel eröffnet wird, dankt HERMA-Geschäftsführer Manfred Minich den IGH-Bewohnern und allen Verantwortlichen für die Gastfreundschaft. Dann überreicht er einen Scheck an Pfarrer Heinz Gerstlauer, den Vorstandsvorsitzenden von eva. Jetzt wirken die Bewohner ziemlich überrascht. Sie bedanken sich mit starkem Beifall und anerkennenden Rufen.




