Landesbischof besucht Beratungsstelle für traumatisierte Flüchtlinge der eva
Frank Otfried July fordert Umdenken bei Bleiberecht für Flüchtlinge
Flüchtlinge erwartet in Deutschland meist eine sorgenvolle Zeit. Zu der Ungewissheit, ob und wie lange sie bleiben dürfen, kommen häufig auch psychische Probleme. Denn viele Betroffene haben in ihrer Heimat Traumatisches erlebt. Doch die Kriterien für das Bleiberecht sind streng: Nur wer seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten kann, ist langfristig vor der Abschiebung sicher. Landesbischof Frank Otfried July forderte daher eine neue Bleiberechtsregelung für Flüchtlinge. Humanitäre Grundsätze müssten stärker berücksichtigt werden, sagte July am 12. Dezember bei einem Besuch der Psychologischen Beratungsstelle für politisch Verfolgte und Vertriebene (PBV). In der Einrichtung der Evangelischen Gesellschaft (eva) werden traumatisierte Flüchtlinge beraten und therapeutisch behandelt. Gerade sie hätten ebenso wie alte und kranke Flüchtlinge kaum eine Chance, ausreichende finanzielle Einkünfte zu erzielen.
Ein Beispiel ist Tanja Abdulrazzaq Bekr. Die 42-jährige Kurdin lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern seit mehr als zehn Jahren ohne Aufenthaltserlaubnis mit Duldung in Deutschland. Noch heute bekommt sie Angstzustände, wenn sie daran denkt, was sie und ihre Familie im Irak durchleben mussten. Nachdem Saddam Husseins Regime 1991 ihre Heimatstadt Kirkuk im Nordirak bombardieren ließ, war sie drei Monate lang auf der Flucht. Die vielen Leichen von Kindern und erwachsenen Zivilisten, die sie in den Häuserruinen gesehen hat, haben sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt. Es folgte eine familiäre Krise: Ihre strenggläubigen Eltern verstießen sie, nachdem sie 1996 ohne deren Zustimmung einen liberalen Iraker geheiratet hatte. Nur zwei Jahre später folgte der nächste Schicksalsschlag: Ihr Mann wurde aufgrund seiner politischen Aktivitäten verhaftet. Und auch sie selbst saß wenig später für einen Monat in einem irakischen Gefängnis.
40 Prozent der Flüchtlinge sind traumatisiert
Etwa 40 Prozent aller Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, leiden laut einer Studie der Uni Konstanz wie Tanja Abdulrazzaq Bekr an einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Seit 2002 gibt es für die Betroffenen in Stuttgart mit der PBV eine zentrale Anlaufstelle. Vor drei Jahren hat die Evangelische Gesellschaft die Beratungsstelle vom Diakonischen Werk übernommen und in das bestehende Internationale Beratungszentrum in der Landhausstraße 62 integriert. Die Mitarbeitenden der PBV therapieren und betreuen neben Flüchtlingen auch Aussiedler, jüdische Kontingentflüchtlinge aus Russland, Zwangsprostituierte und Stasiopfer.
Sie alle haben Traumatisches erlitten: Gewalt, Hunger und Durst über lange Zeit, Folter oder sexuelle Erniedrigung. „Bei einer traumatischen Erfahrung haben Menschen eine Situation erlebt, in der sie den eigenen Tod gesehen haben“, erklärte Diplom-Psychologe Dieter David von der PBV. Und diese Todesangst hinterlässt nachweisbare Spuren im Gehirn. Seit einigen Jahren gebe es spezielle Formen der Therapie für Trauma-Patienten. Allerdings sei der Erfolg der Behandlung häufig durch die Angst vor der Abschiebung gefährdet: „Fast 90 Prozent der Betroffenen wollen nicht in das Land zurück, in dem sie diese Todesangst erlebt haben“, so David.
Gerade traumatisierte Flüchtlinge seien daher besonders motiviert, sich in Deutschland zu integrieren. „Sie lernen zum Beispiel schnell Deutsch, so dass auch die Therapie meistens auf Deutsch stattfinden kann“, sagte David. So war es auch bei Tanja Abdulrazzaq Bekr. Nach einer erfolgreichen traumazentrierten Psychotherapie und zahlreichen begleitenden Angeboten in der PBV hat sich ihr Gesundheitszustand stabilisiert. Mittlerweile kann die dreifache Mutter arbeiten und ist außerdem in der Schule ihrer Tochter als Elternbeirat aktiv. Und da sie mehrere Sprachen spricht, übernimmt sie ehrenamtlich auch Dolmetscheraufgaben. Ihr größter Wunsch hat sich aber noch nicht erfüllt: Auf ein dauerhaftes Bleiberecht wartet sie bis heute.
Kirchen, Diakonie und Caritas fordern neues Bleiberecht
Derzeit leben in Baden-Württemberg etwa 45.000 anerkannte Flüchtlinge. Hinzu kommen etwa 10.000 Menschen mit einer Duldung sowie 7.000 Asylbewerber, über deren Verfahren noch nicht entschieden ist. Die Kirchen, Diakonie und Caritas appellieren aktuell gemeinsam an die Politik, ein neues Bleiberecht zu schaffen, das den Betroffenen eine echte Perspektive bietet. Denn am 31. Dezember 2011 läuft eine wichtige Frist aus: Mehrere tausend Menschen, die 2006/2007 eine Aufenthaltserlaubnis „auf Probe“ bekommen hatten, müssen einen Job nachweisen. Nur wenn sie den Lebensunterhalt ihrer Familie ohne staatliche Hilfe erbringen können, wird ihr Aufenthaltsrecht verlängert. Andernfalls fallen sie in die Duldung zurück und müssen abermals eine Abschiebung fürchten.
Mit seinem Besuch in der PBV, so der Landesbischof, wolle er auch darauf hinweisen, dass sich hinter den abstrakten Flüchtlings-Zahlen individuelle Schicksale verbergen. „Es sind Menschen mit je eigenen Biografien, schwerwiegenden Erlebnissen und traumatisierenden Geschichten“, so July. Er gab zu bedenken, dass auch Josef, Maria und das Jesuskind eine Flüchtlingsfamilie gewesen seien. Daher gehöre es zur Weihnachtszeit dazu, an die Schicksale der Vertriebenen, Verfolgten und Flüchtlinge von heute zu erinnern.
Auch kirchenfernsehen.de war bei dem Besuch des Landesbischofs dabei. Den zweiminütigen Film von Elisabeth Eder können Sie sich hier ansehen.
Einen ERF-Radiobeitrag über den Besuch unter dem Titel ''Seele total kaputt - Psychologische Betreuung für Traumatisierte Flüchtlinge'' finden Sie hier.






