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    ''Wir Aschenkinder'' - ein modernes Großstadtmärchen

    • Isabell spielt die Stiefmutter Taylor

    Theaterstück der Hilfen zur Erziehung setzt benachteiligte Mädchen in Szene

    Sie nennen sich "Die Eva´s": 12 Mädchen und junge Frauen zwischen 11 und 17 Jahren, die das Theaterstück "Wir Aschenkinder" spielen. Das Stück ist ein modernes Großstadtmärchen, das auf dem Märchen "Aschenputtel" der Gebrüder Grimm basiert. Das Märchen ist in dem Stück in die Neuzeit versetzt: Die Darstellerinnen spielen Szenen, die sie so auch in ihrem Alltag erleben könnten. Sie sind aktiv daran beteiligt, die Rollen und Szenen zu entwickeln. Das ist alles andere als selbstverständlich, denn die Jugendlichen stammen fast alle aus sozial benachteiligten Schichten, die von Armut betroffen sind. Der überwiegende Teil von ihnen besucht die Haupt- oder Förderschule. Die Premiere des über einstündigen Stücks fand am 8. Oktober im Stadtteilhaus Mitte in der Christophstraße statt. Der große Saal war voller Zuschauer: Eltern, Kinder, Jugendliche, Lehrkräfte und weitere Interessierte waren begeistert. Weitere öffentliche Aufführungstermine stehen noch nicht fest. 

    Möglich wurde das Theaterprojekt durch die Hilfen zur Erziehung der Evangelischen Gesellschaft (eva) und deren Mitarbeiterin Ewa Grabowska. Die Kulturwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt praktische Theaterarbeit hat auch schon mit dem bekannten Regisseur Krzysztof Kieslowski zusammengearbeitet. Wieso hat sie gerade das Märchen "Aschenputtel" als Grundlage ausgewählt? "Das Märchen hat vier sehr starke weibliche Figuren: Aschenputtel selbst, ihre beiden Stiefschwestern und die Stiefmutter", erklärt Ewa Grabowska. Darüber hinaus biete das Märchen die Möglichkeit, viele Nebenrollen zu schaffen, zum Beispiel als Freundinnen.

    Selbstwertgefühl der Darstellerinnen soll gestärkt werden

    Die Darstellerinnen trafen sich einmal pro Woche für eineinhalb Stunden gemeinsam zum Rollenspiel, Tanzen und Singen. Im Lauf der Proben war dabei nicht nur die Stammgruppe von zwölf Darstellerinnen beteiligt, sondern bis zu dreißig Personen. Diese sind von den traditionellen Bildungs- und Kultureinrichtungen vor dem Projekt nicht erreicht worden. Ein wesentliches Ziel des Theaterprojektes ist deshalb, damit eine Brücke zum etablierten Kulturangebot zu schlagen.

    Für einige Teilnehmerinnen ist es eine große Herausforderung, langfristig an einer Sache dran zu bleiben und bei auftretenden Schwierigkeiten nicht vorschnell aufzugeben. Wichtig beim Theaterstück ist deshalb auch, soziale Fähigkeiten in einem geschützten Rahmen zu üben und auszuprobieren. Weitere erwünschte Ergebnisse sind, das Selbstwertgefühl der Darstellerinnen zu stärken und ihre Kompetenzen zu erhöhen.

    Bei dem Theaterstück können sich die Darstellerinnen ausprobieren

    Mal ausprobieren, richtig böse zu sein

    Das Theaterstück ist ein ungewöhnlicher und dennoch typischer Baustein der Hilfen zur Erziehung. Deren Fachkräfte orientieren sich nicht an den Defiziten der betreuten Jugendlichen und ihrer Familien, sondern an deren Stärken und Veränderungsideen.

    Deshalb steht das Theaterprojekt "Wir Aschenkinder" in der Tradition anderer Kultur-Projekte der Hilfen zur Erziehung. Kinder, Jugendliche und Familien bekommen bei solchen Kultur-Projekten die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten anders kennen zu lernen. Sie können damit schwierigen Lebensumständen und -ereignissen in kreativer Form Ausdruck verleihen: Sie wandeln das, was zunächst ein Defizit ist, in eine Stärke um.

    Das sehen auch die Hauptdarstellerinnen so: Jennifer, im Theaterstück das Aschenputtel Anna, erklärt: "Ich spiele diese Rolle deswegen gern, weil ich in der Grundschule auch gemobbt wurde. Ich will anderen zeigen, wie das ist und wie das auch enden kann." Patrycja, im Stück die zweite Stiefschwester Bella, war es wichtig, eine Hauptrolle zu spielen: "Ich bin fast die ganze Zeit auf der Bühne. Es ist für mich aber nicht einfach, diese Rolle zu spielen, weil ich nicht so eingebildet und oberflächlich bin wie Bella. Die hat nur Mode und Partys im Kopf." Und Isabell, im Stück die Stiefmutter Taylor, erklärt: "Ich wollte ausprobieren, wie man sich fühlt, wenn man jemanden spielt, der richtig böse ist, weil ich so nicht bin."

    Die Redaktion von kirchenfernsehen.de, dem Internetfernsehen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, hat über das Theater-Projekt "Wir Aschenkinder" einen Filmbeitrag gedreht. Den Beitrag können Sie sich hier ansehen.